Knast-Briefe

Post aus dem Knast: Eine Brieffreundschaft mit Häftlingen

In der Besucherzelle greift Denis (30) zu Block und Stift. Die Brieffreundschaften bringen den BVB-Fan auf andere Gedanken im immer gleichen Haft-Alltag.

In der Besucherzelle greift Denis (30) zu Block und Stift. Die Brieffreundschaften bringen den BVB-Fan auf andere Gedanken im immer gleichen Haft-Alltag.

Foto: Ralf Rottmann

Schwerte.   Zwei Gefangene aus der JVA Schwerte erzählen von ihren Briefwechseln mit fremden Frauen. Für einige ist es der einzige Blick in die Freiheit.

„Einmal die Woche kommt ein Brief an“, sagt Denis. Es ist ein Höhepunkt an immer gleichen Tagen. Seit mehr als zwei Jahren ist der 30-Jährige im Knast. Das Urteil: schwerer Raub.

In Gefängnissen wie in der JVA Schwerte sitzen Verbrecher ein. Umgeben von dicken Mauern und Stacheldraht, beschränkt sich das Leben auf das, was sich hinter Gittern abspielt. Neben kurzen Telefonaten und wenigen Besuchen gibt es für die Häftlinge nur ein Fenster in die Freiheit: Briefe.

Was viele nicht wissen – jeder kann sich einen Brieffreund hinter Gitter suchen. Möglich macht es die Internetseite Jail-Mail.net (dt. Gefängnispost). Mit einem Foto und einem kurzen Steckbrief suchen dort über 500 Häftlinge in ganz Deutschland nach der Freundschaft per Post.

Für Gefangene ein Blick in die Freiheit

So wie Denis. Mit jedem Umschlag, den er in seinen Händen hält, jedem Wort auf dem Blatt Papier, eröffnet sich eine ferne Welt. „Man erfährt was von draußen“, sagt der 30-Jährige. In diesem Moment etwas Unerreichbares.

Wie durchs Schlüsselloch gewährt er Frauen seitdem mit Briefen einen Einblick in den Gefängnis-Alltag. Es ist eine reizvolle fremde Welt: „Es ist das Unbekannte und das Böse“, glaubt Denis, warum ihm Frauen schreiben.

Zeile für Zeile nimmt er sie mit hinter Gitter. Dabei gilt: „Mit dem ersten Brief bin ich grundehrlich.“ Der 30-Jährige spricht etwa über seine Straftat – aber nur, wenn explizit danach gefragt wird. Er berichtet von seinem Job in der Wäscherei, der reizarmen Umgebung, die getaktet ist durch Mahlzeiten, Auf- und Einschluss.

Erst im Gefängnis gewinnen Briefe an Bedeutung

Er erzählt von seinen Abenden auf der Zelle und wie er sich in Haft fühlt. „Mit der Einsamkeit habe ich am meisten zu kämpfen“, gesteht er. Daran wird sich die nächsten elf Monate nichts ändern – erst dann kommt der leidenschaftliche BVB-Fan wieder frei.

Vor seiner Haftzeit haben Briefe in seinem Leben überhaupt keine Rolle gespielt. Doch im Gefängnis ticken die Uhren anders: „Die Zeit bleibt stehen und man hat 24 Stunden, um nachzudenken.“ Und sowieso: andere Kontaktmöglichkeiten sind rar gesät. „Zwei Mal die Woche darf ich für zehn Minuten telefonieren – dann wird die Leitung gekappt.“

Denis plagt das Gefühl, versagt zu haben

Einmal im Monat bekommt er Besuch. Doch seine Mutter hat er zuletzt im November gesehen. Ihn plagt das Gefühl, enttäuscht zu haben. „Jede Mutter will ein Kind haben, auf das sie stolz ist. Doch wir im Knast sind alles Vollversager.“ Einen Sohn und eine Tochter hat Denis – neun und fünf Jahre alt. „Es gibt keinen Moment, in dem ich sie nicht vermisse.“

Auf andere Gedanken bringen ihn die Briefe. Worauf er achtet? „Auf die Rechtschreibung“, schießt es aus ihm raus. Ansonsten muss die Chemie stimmen. „Ich möchte mit Ratschlägen zur Seite steht.“ Mehr geht nicht, denn nur Briefe können die Mauern überwinden. „Ich schreibe auch rein, dass ich alles andere suche, als die große Liebe.“ Ihm geht es alleine um die Abwechslung. Um den Blick nach draußen.

Abwechslung per Brieffreundschaft

„Im Gefängnis hört man immer nur dieselben Geschichten“, sagt ein zweiter Häftling der JVA Schwerte, der über das Internet Abwechslung per Brief sucht. Auch er heißt Dennis – bloß mit Doppel-N geschrieben und erst 29 Jahre alt. „Nur über Briefe lernt man neue Leute kennen.“

In seinem Steckbrief auf Jail-Mail schreibt er: „Hier kommt Dennis. Ein netter, bodenständiger, ehrlicher und humorvoller Typ.“ Seine Brieffreundin sollte vor allem eines sein – vorurteilsfrei. Das ist auch er: „Aussehen und Alter sind zweitrangig, weil beides bei einer Brieffreundschaft einfach unwichtig ist.“ Nach einem Foto fragt er mit der Zeit aber schon: „Ich möchte einfach wissen, mit wem ich schreibe.“

Jeder Brief ist für Häftling Dennis ein Grund zur Freude

Seit vier Jahren und zwei Monaten ist Dennis in Haft. „Wegen Betruges.“ Bei einer Brieffreundschaft achte er auf ein Frage-Antwort-Spiel. „Es soll eine vernünftige Unterhaltung entstehen.“ Denn er schreibt viel und gern: „Ein Brief hatte schon mal zehn Seiten.“

Jedes Kuvert, das ankommt, ist für ihn Freude pur. Doch da ist noch ein zweites Gefühl. Einmal hatte er eine intensive Brieffreundschaft – doch plötzlich und ohne Vorwarnung erfolgte der Kontaktabbruch. „Dann scheibt man hinterher und denkt, der Brief ist verloren gegangen.“ Vergeblich wartete er. Der nächste Blick nach draußen und die Abwechslung war weg. Stattdessen holte ihn die Realität ein – gefangen hinter dicken Mauern.

>>> Wie bekomme ich eine Brieffreundschaft mit einem Häftling?

Wer eine Brieffreundschaft mit einem Häftling sucht, findet auf der Internetseite Jail-Mail etwa 500 Inserate von Inhaftierten aus ganz Deutschland – auch aus Anstalten des Ruhrgebiets, wie etwa Bochum oder Schwerte. Mit kurzen Texten und einem Bild stellen sich die Gefangenen vor. Manche sind über 60, der jüngste 18 Jahre alt.

Der Erstkontakt kann über ein Formular aufgenommen werden, das von der Gründerin der Internetseite ausgedruckt und per Brief an den Inhaftierten weitergeleitet wird. Der weitere Briefkontakt geht dann direkt über die Briefpartner.

„Im Monat erhalte ich etwa 250 Erstkontaktanfragen“, sagt Betreiberin Erna Höhenberger. Es können maximal 5 Kontaktwünsche auf einmal für verschiedene Gefangene versendet werden. Jedoch solle den Häftlingen auch die Zeit gelassen werden, zu antworten. Das könne mehr als zwei Wochen dauern, da der Briefverkehr im Strafvollzug der Kontrolle unterliegt und von einem Wärter vorab gelesen wird.

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