Geschenkt

Schunkeln unterm Weihnachtsbaum

Es gibt auch schreckliche Pullis mit schöner Botschaft: Diese amerikanischen Studenten nahmen an einem „Der hässlichste Weihnachtspulli“-Wettlauf teil, um Geld für die Hilfsorganisation „Save the Children“ zu sammeln.

Es gibt auch schreckliche Pullis mit schöner Botschaft: Diese amerikanischen Studenten nahmen an einem „Der hässlichste Weihnachtspulli“-Wettlauf teil, um Geld für die Hilfsorganisation „Save the Children“ zu sammeln.

Warum verkleiden sich die Menschen neuerdings in der Weihnachtszeit? Einiges deutet darauf hin, dass der Hoppeditz auch am Heiligabend mitfeiert.

Helau! Morgen zünden wir die dritte Adventskerze an und ich habe endlich begriffen: Weihnachten ist der neue Karneval. Oder warum ist die halbe Welt in diesen Tagen kostümiert?

Vor drei Jahren tauchte mein Neffe am 1. Weihnachtstag mit einem bunten Pullover auf. Mittig war ein großer Rudolph-Kopf aufgestickt, der Clou war die rote 3D-Rentier-Nase. Wenn man drauf drückte, wieherte Rudolph und wünschte: Merry Christmas! Wir fanden das alle lustig. Weil der Neffe 1. mit seiner Familie gerade Urlaub in den USA gemacht hatte und 2. die beiden Kinder (1 und 3 Jahre alt) natürlich einen Heidenspaß mit Papas plärrendem Pulli hatten.

Inzwischen gähnen meine Großnichte und mein Großneffe, wenn sie witzige Strickwaren sehen, weil jetzt Tausende Erwachsene so rumlaufen. Wieder ist aus einer netten kleinen Idee ein Trend geworden, ach was, ein Kult, etwas „Ikonisches!“. Der Pulli gehört bald zum Fest wie früher der Kirchgang.

Die meisten Weihnachtspullover wirken eher kuschelig, oder wie jetzt alle auf Skandinavisch sagen: hyggelig. In Rot und Blau und Grün sind Rentierschlitten, Schneeflocken oder Nikoläuse mit Sonnenbrillen eingewebt, dazwischen Glitzer und „Ho Ho Ho“-Sprechblasen. Die fortgeschrittenen Versionen zeigen Rentiere, die sich übergeben, Jesus als „Birthday Boy“, oder sie lassen uns leuchtende 3D-Weihnachtsmänner über die Schulter klettern.

Wollen wir mal nicht strenger sein als Knecht Ruprecht. Die Pullis tun ja nix. Sie halten warm, ergänzen den Glühwein. Die Feststimmung ist ohnehin längst hitzig, die stille Nacht übertönt – seitdem Weihnachtsmärkte im November da weitermachen, wo das Oktoberfest aufhört. Unsere lichtergespickten Häuser zeichnen mit Millionen LEDs nicht den Stern von Bethlehem nach, sondern Las Vegas. Und so begab es sich im 21. Jahrhundert, dass Weihnachten und Altweiberfastnacht zueinander fanden – als immer mehr Menschen zur Betriebsfeier einen Pulli mit strippenden Nikoläusen anlegten.

Der Hoppeditz ist haarscharf vor dem ersten Weihnachtsmarkt am 11.11. erwacht. Warum soll er nicht mit Santa Claus unterm Tannenbaum schunkeln? Alle Funkemariechen bekommen Engelsflügel, Prinz Karneval einen Rauschebart und Father Christmas die Fasanenfeder. Heilige Nacht/Helau – passt schon. Wir erleben die Globalisierung der großen Gaudi. Feiern die Feste, wie sie fallen, täglich, überall und jeder, so doll wie möglich. Kein Wunder, dass den Rentieren schlecht wird.

Wenn Sie nun meinen, dass unsere Kultur den Faden verloren hat, können Sie ein gutes Werk tun, einen Weihnachtspulli kaufen, und ihn in aller Stille aufribbeln.

Weihnachtspullover, Kaufhaus, ab 9,99 €

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