Digitale Sprache

Social Distancing: Wie Emojis unsere Kommunikation verändern

Versendete Emojis können einiges über die Beziehung der Kommunizierenden aussagen.

Versendete Emojis können einiges über die Beziehung der Kommunizierenden aussagen.

Foto: Matthias Balk / dpa

Essen.  Emojis sind längst ein Teil der internetbasierten Verständigung geworden. Gerade in Zeiten des Sozialentzugs können sie Botschaften verstärken.

Ein zwinkernder gelbfarbener Schelm blickt vom Handydisplay hoch, mit aufgerissenen Augen schlägt sich ein anderes Kerlchen die Hände vor das blau angelaufene Gesicht und ein weiterer Artgenosse spitzt die Lippen zum Kuss – heraus kommt ein Herzchen. Was die drei gemeinsam haben? Sie alle wohnen in unseren Smartphones, diese Emojis.

Gerade in Zeiten von Homeoffice und sozialer Isolation wandern mehr Emojis als sonst über die Bildschirme und übermitteln Botschaften, die Worte nicht immer auszudrücken vermögen. 3304 Emojis an der Zahl sind es aktuell: die klassisch gelben Gesichter, Tiere, Menschen, Nahrung, Fortbewegungsmittel… Die Liste der aus Japan stammenden Piktogramme ist lang. Etwa alle sechs Monate kommen neue Emojis hinzu, zuletzt vor allem solche, die für Diversität stehen: Die Frau mit Kopftuch, der Rollstuhlfahrer und menschliche Abbilder allerhand verschiedener Haut- und Haarfarben.

Japan: Die Heimat der Emojis

Als derjenige, der die Nachfahren der Smileys populär machte, gilt Shigetaka Kurita. Der Japaner entwarf 1998 für den Mobiltelefonhersteller NTT Docomo 176 Emojis, die damals per Pager und Mobiltelefon verschickt werden konnten. Heute sind die minimalistisch anmutenden Piktogramme im Museum of Modern Arts zu Hause, ein Stück digitale Zeitgeschichte. Ihre Nachfolger tummeln sich in Chatverlaufen und Postings.

Doch wer entscheidet eigentlich, welche Emojis in die Smartphones einziehen? Dafür ist das sogenannte Unicode-Konsortium zuständig. Dort bestimmen neben Software-Unternehmen wie Apple, Microsoft und SAP auch einfache Mitglieder, welche Piktogramme künftig Teil der großen Emoji-Familie werden. Grundsätzlich kann jeder, der möchte, online einen Antrag stellen – Designvorschlag inklusive. Dann entscheidet das Konsortium: Braucht es dieses Emoji, hat es einen Mehrwert?

Verwendung der Emojis verrät viel über Beziehungen

An sich gar nicht so leicht zu beantworten. Schließlich ist Emoji nicht gleich Emoji. Oder hätten sie gewusst, dass das Pfirsich-Emoji für den Poppes steht?! Die individuellen Interpretationsspielräume sind groß, weiß der Linguist Dr. Steffen Pappert von der Universität Duisburg-Essen: „Je enger die Beziehung zwischen zwei Menschen ist, umso kreativer, mitunter geheimer ist die Verwendung der Emojis.“ Aber auch die Verständlichkeit könne durch die kleinen Piktogramme gefördert werden. So treffe etwa eine humorvolle oder ironische Bemerkung meist erst durch ein passendes Emoji den richtigen Ton.

Und überhaupt: „Emojis leisten eine ganze Reihe an Aufgaben, die Schrift in kurzer Nachrichtenform nicht leisten kann“, erklärt Pappert, der zu Emojis geforscht hat. Dass die zunächst belächelten Abbildungen längst auch Teil der Offline-Welt geworden sind, zeige zum Beispiel das Werbeprospekt eines großen deutschen Discounters.

Kritik ist Kulturpessimismus in reinster Form

Die Kritik, Emojis würden die geschriebene Sprache ablösen, gar verdrängen, lehnt der Linguist ab: „Das ist Kulturpessimismus in seiner reinsten Form. Diese Form der internetbasierten Kommunikation ist relativ neu, mit neuen Anforderungen und Möglichkeiten.“ So stoße etwa eine Nicht-Nutzung von Emojis beim virtuellen Gegenüber meist auf Verwirrung oder gar die Sorge, etwas Falsches geschrieben zu haben.

Regeln der Grammatik und Orthografie gibt es bei der Verwendung der Bildzeichen nicht. „Allein deshalb könnten die Emojis nie die geschriebene Sprache verdrängen. Ergänzen schon.“ Wichtig sei nur, dass gerade Jugendlichen klar ist, wann der Text mit den Piktogrammen ausgeschmückt werden darf und wann lieber nicht. Es gebe aber keinen Beweis, dass diese Gefahr tatsächlich besteht. „So simpel man die Emojis auch finden mag, sie tragen dazu bei, dass junge Menschen mit Sprache und Bildern kreativ umgehen. Das ist lobenswert.“

In Zukunft eine immer größere Vielfalt

Für die Zukunft prognostiziert Steffen Pappert eine Zunahme der Emoji-Vielfalt. „Das führt vielleicht dazu, dass ein immer geringerer Anteil der Emojis regelmäßig genutzt werden wird.“ Zu den weltweit am häufigsten verwendeten Bildzeichen zählt laut dem Unicode-Konsortium der tränenlachende Emoji (9,9 Prozent), gefolgt vom roten Herz (6,6 Prozent) und dem Emoji mit den herzförmigen Augen (4,2 Prozent). Wer weiß – vielleicht ist bald schon der Masken-Emoji neuer Spitzenreiter?

Info: Emojis im internationalen Vergleich

Andere Länder, andere Sitten: Das gilt auch für den Gebrauch von Emojis. Swiftkey, ein Tastatur-Tochterunternehmen von Microsoft, machte den internationalen Vergleich: Welche Emojis sind wo überdurchschnittlich beliebt – im Vergleich zur weltweiten Nutzung. In Kanada ist es etwa der lustig grinsende braune Haufen, in Russland der verführerische rote Kussmund. Großbritannien mag es mit dem klassisch zwinkernden Exemplar verschmitzt, während Deutschland mit dem sich die Augen bedeckenden Äffchen verschämt wirkt.

Ein Blick nach Asien, genauer gesagt nach Japan (die Geburtsstätte der Emojis), zeigt: Kaomojis sind dort die neuen Emojis. Aus Sonderzeichen bestehend, bilden die stilisierten Piktogramme meist Gesichtsausdrücke ab. Ein offenes Lachen sieht dann so aus: (^_^), ein genervtes Gesicht so: (-_-). Durch die vielen Sonderzeichen lassen sich die Kaomojis quasi beliebig erweitern. Mit etwas Kreativität kommt ein Winken (^_^)/“ zustande. In der Nippon-Kultur konzentriert sich der Ausdruck von Emotionen auf die Augen. Das spiegelt sich bei den Kaomojis wider. Die stilisierten Augen sind das entscheidende Element. Wie beim Schock (O_O), der in der amerikanischen Kultur, statt mit aufgerissenen Augen, durch den offenen Mund dargestellt ist.

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