Grenzen

Sozialwissenschaftler erklärt: Warum Menschen Grenzen ziehen

Die Mauer trennte Berlin in zwei Hälften – bis zu ihrem Fall 1989.

Die Mauer trennte Berlin in zwei Hälften – bis zu ihrem Fall 1989.

Foto: imago/imagebroker

Grenzziehungen erfüllen im Zusammenleben unterschiedlichste Funktionen – und wandeln sich immer wieder im Laufe der Zeit.

Mainz. Bastian Vollmer lehrt und forscht als Professor für Sozialwissenschaften an der Katholischen Hochschule Mainz. Sein besonderes Augenmerk gilt dabei der Migrations-, Grenz- und Diskursforschung. Kathrin Gemein sprach mit ihm über verschiedene Begriffsauslegungen von Grenzziehungen.

Herr Vollmer, was genau ist eine Grenze?

Das ist im Prinzip eine der größten philosophischen Fragen. Man kann versuchen, das negativ aufzuziehen und sich zu fragen: Was ist die Unendlichkeit? Es gab Mathematiker, die versucht haben, Unendlichkeiten zu addieren – und viele sind an diesem Projekt zugrunde gegangen. Philosophen wie Aristoteles würden vielleicht sagen: Unendlichkeit kann man nur mit der Göttlichkeit beschreiben. Doch dann kommt man zu einem nicht-vorhandenen Raum, in dem es keine Grenzen gibt und man so an das Nichts stößt. Und dann hat man wieder ein Problem. Eine Grenze ist somit etwas ganz fundamentales. Und der Mensch braucht diese Grenzen, weil er Strukturen braucht, um sich zu orientieren – in Lebenslagen und Lebenswelten.

Und was bedeutet diese Orientierung für den Einzelnen?

Einerseits schaffen Grenzen Trennungen, doch mit der Trennung gehen auch Komfortabilitäten einher. Denn durch eine Begrenzung schafft man sich ja auch eine gewisse Geborgenheit. Zäune haben eine solche Funktion. Oder Einfriedungsmauern, das steckt ja das schon im Wort: Die Grenze schafft einen „vermeintlichen“ Frieden.

Das ist dann ja nur die eine Seite der Medaille.

Es geht bei Grenzziehungen einerseits um Orientierung und andererseits um Freiheitsberaubung. Diese Balance muss ausgehandelt werden, tagtäglich im Prinzip. Hierbei besteht grundsätzlich eine Dialektik, eine Doppeldeutigkeit. Und Grenzen sind ja immer wieder eine Konstruktion, wie die Konstruktion des Nationalstaates, die Verschiebungen nach dem Zweiten Weltkrieg oder aktuelle Verschiebungen wie in der Ukraine.

Seit wann gibt es denn dieses Prinzip von Grenzen?

Eigentlich schon immer, weil es das Meer und Landmassen gibt. Wirklich spannend wird es, wenn man auf die Geschichte der Grenzen schaut. Da gibt es die großen historischen Grenzen, wie die Chinesische Mauer, den Limes, den Hadrianswall in Großbritannien. Die Alpen oder das Himalaya Gebirge sind natürlich riesige Grenze. Oder der Rhein: Zu Zeiten des Mittelalters oder der sogenannten Völkerwanderung gab es kaum Brücken oder Fähren – und es mussten Wege gefunden, um diese Grenzüberschreitung hinzubekommen; auch was Transportwege angeht. Spannend zu sehen ist auch, wie praktisch Grenzen in der Vergangenheit verstanden und ausgehandelt wurden. Wege zum Beispiel funktionierten zugleich als Grenze, die Felder und somit Besitz aufteilten. Wo es dann wieder zu dieser Doppeldeutigkeit der Grenze kommt.

Wie wurden denn diese Grenzen damals gezogen?

Das wurde teilweise mit den Dorfältesten verhandelt, da diese den größten Überblick darüber hatten, was über die Jahrzehnte von wem bewirtschaftet wurde. Mit denen wurden damals die Grenzbegehungen gemacht – und besprochen, welche Felder oder Grundstücke wem gehörten.

Das ist heutzutage ja viel komplexer mit den Grenzziehungen.

Man muss sich eben die Frage stellen: Wo kommen Grenzen her? Denn diese Produktion von Grenzen war immer wichtig, weil es da um geostrategische, geopolitische und Machtverhältnisse geht. Auch natürliche Grenzen wie Flüsse wurden immer wieder ausgehandelt – und diese Aushandlung von Grenzen kann man durch die gesamte Menschheitsgeschichte verfolgen – was wirklich sehr spannend ist.

Wie schätzen Sie den Umgang mit Grenzen in der heutigen Zeit ein?

Gerade sind wir an einem Punkt angelangt, an dem meiner Meinung nach diese Grenzziehungen und Grenzaushandlungen ganz schön heftig werden. Vor circa 20 Jahren dachte man, nach den Verschiebungen nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Ende des Kalten Krieges sei die große Zäsur erreicht. Doch problematischerweise ist die Geschichte der Grenze auch oft die Geschichte eines Feindbildes. Diese Suche nach Feindbildern mündet zunehmend in Fremdenfeindlichkeit und Feindseligkeit gegenüber „dem Anderen“ oder „des Unbekannten” im Allgemeinen.

Ich denke, dass die Grenze im Prinzip gerade wieder eine Renaissance erfährt. Im Politischen ist das recht klar sichtbar, was zum Beispiel den Populismus angeht. Dieser driftet in einen Rückzug in das Eigene ab, was dann eben bedeutet, sich auf die Welt innerhalb der eigenen Grenzen zu konzentrieren. Komplexität wird runtergedreht und vereinfacht. So wird nicht mehr in Austausch gegangen, es wird nicht mehr versucht, sich in dem anderen zu finden, es gibt an diesem Punkt keine Neugierde mehr. Stattdessen eben die Tendenz des Rückzugs hinter die eigene Grenze, die eigenen Argumente und Standpunkte. Sich hinter einen Wall zu stellen und nur das eigene zu verteidigen, anstatt „das Andere“ zu erfahren oder von „dem Anderen“ lernen zu können.

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