Gutes Benehmen

Tischmanieren: Die Regeln sind nicht mehr so streng

Kinder am Tisch, stumm wie ein Fisch? Das muss heute nicht mehr sein. Aber den Teller ablecken sollten die Kleinen immer noch nicht.

Kinder am Tisch, stumm wie ein Fisch? Das muss heute nicht mehr sein. Aber den Teller ablecken sollten die Kleinen immer noch nicht.

Foto: Getty

Essen.  Tischmanieren kommen nie aus der Mode. Doch was gestern noch streng getadelt wurde, ist heute oft ganz normal. Ein Blick auf den Benimm zu Tisch.

Mitte der 1980er in der alten Bundesrepublik: Die Eltern erwarten Gäste zum Abendessen. Frisch gebadet, gekämmt und in ein Hemd gesteckt, weiß der Sohnemann um den Ernst der Lage. Also übt er sich in Geduld, als der Duft aus der Küche den Gaumen kitzelt. Beim Essen sitzt er gerade, legt die Ellenbogen nicht ab, zermatscht nichts und portioniert das Hähnchen mit Messer und Gabel. Der Besuch übt sich in Konversation: „Wie läuft es in der Schule?“ Bangende Eltern: Der Spross wird doch nicht mit vollem Mund antworten?

Erst kauen, dann schlucken, dann sprechen: „Gut.“ Ein wohlverdientes Eisdessert. Nicht kleckern, keinen Nachschlag erbeten. Die Erwachsenen parlieren, der Junge soll brav sein, nicht zappeln oder am Tischtuch nesteln, der Kerze fernbleiben. Piefige Langeweile im Tabakqualm der Altvorderen. Der dritte gequälte Blick genügt. Erlaubnis zum Verdrücken erteilt.

Drei Jahrzehnte später verläuft ein Dinner in aller Regel befreiter – ob privat oder öffentlich, ist da erst einmal egal. Selbst gehobene Restaurants handhaben die Etikette inzwischen entspannter. Die Gastronomin Ramona Leinweber leitet mit dem Küchenchef Benjamin Kriegel das Düsseldorfer Sterne-Restaurant „Fritz’s Frau Franzi“ und kennt den aktuellen Stand des stilvollen Dinierens: „Prinzipiell wurde in den letzten Jahren kein Standard verändert. Der Umgang mit den Regeln ist aber merklich lockerer geworden. Es kommt natürlich auf die Lokalität an, insgesamt geht es aber nicht mehr so hochgestochen zu.“

Zig Besteckteile, bei denen man sich von außen nach innen arbeitet, seien „kaum noch zeitgemäß“, bei der Tischkonversation „darf laut gelacht werden und auch mal etwas herunterfallen.“

Ohne Besteck essen geht bei Leinweber ebenfalls in Ordnung: „Hähnchen am Knochen dürfen mit der Hand gegessen werden, auch Pizza und Burger, wenn Letztere nicht zu sehr in die Höhe gestapelt sind. Außerdem Garnelen, Muscheln und natürlich Fingerfood.“ Und wie steht es heute um klassische Gentleman-Regeln? „Herren der alten Schule helfen Damen nach wie vor aus dem Mantel und wir bieten diesen Service auch an. Allerdings geht das stark zurück. Nur noch wenige Männer rücken Frauen die Stühle zurecht.“

Nicht mit der Gabel fuchteln

Bei aller Lockerung gelten aber nach wie vor einige Basisregeln. Schmatzen oder klirrendes Besteck werden in unseren Breiten als unkultiviert empfunden, vom „Rülpsen“ und „Furzen“, das Luther bei einer Tischrede eingefordert haben soll, wollen wir gar nicht anfangen. Besteck soll filigran gehandhabt werden. Wer mit einer Gabel herumfuchtelt, wirkt taktlos. Bei Büfetts fallen Drängeln und Hamstern negativ auf, zudem sollten die Beilagen nicht zu Brei vermengt werden.

Auf zusammenstoßende Gläser wird beim Zuprosten übrigens immer öfter verzichtet – als moderner gilt es, das Glas bloß anzuheben und sich unter Blickkontakt zuzunicken. Und Servietten sind einzig zum Abtupfen der Lippen bestimmt. Nicht so im alten Rom: Seinerzeit transportierte man in Stoffservietten Speisen und Präsente.

Essen musste der Mensch schon immer, und seit jeher tat er das auch in Gruppen. Wie sah es wohl aus, wenn man sich in der Frühsteinzeit ein Mammut schmecken ließ? „Über die Esskultur der Ur- und Frühgeschichte kann nur spekuliert werden“, erklärt Gunther Hirschfelder, Professor für Vergleichende Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg. „Wahrscheinlich war die Nahrungsaufnahme hierarchisiert und kultisch aufgeladen.“ Im Kern ging es um die Reihenfolge – höher Gestellte durften zuerst zugreifen. Um allen Beteiligten unappetitliche Anblicke und Geräusche zu ersparen, bildeten sich mit der Zeit Normen für das gemeinsame Essen aus.

Den Löffel abgeben

Nach einem Hoch der Speisekultur in der Antike galten im Mittelalter zunächst simple Regeln: Nicht ins Tischtuch schnäuzen, nicht in fremde Teller greifen. Bauern nutzten oft den Tisch oder eine trockene Brotscheibe als Essunterlage, selbst Betuchte besaßen wenig Geschirr.

„Die Esskultur verfeinerte sich im Übergang vom Spätmittelalter zur Renaissance und wurde bis in die Neuzeit filigraner ausgestaltet,“ weiß Hirschfelder. Anders als mitunter vermutet, habe die häufigere Teilnahme von Frauen an Festmählern dabei keine große Rolle gespielt. Ein damaliger Mann hätte sein Verhalten den Damen zuliebe kaum angepasst. Entscheidend war, dass die Adelsküche komplexer wurde und die Gesellschaft das „Recht des Stärkeren“ überwand: „Der Zivilisationsprozess lässt sich anhand der Tischkultur ablesen.“

Die Gabel? Ein Teufelszeug

Teller und Besteck avancierten erst in der Neuzeit zum Gemeingut. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts speisten ärmere Leute mit selbst mitgebrachten Löffeln gemeinsam aus einem Topf, woher die Redewendung „den Löffel abgeben“ für den Tod rührt. Weil sämtliche Gerichte durchgekocht und nicht etwa gebraten wurden, fungierte die kleine Kelle in aller Welt als Allzweckbesteck.

Ungemach stiftete indes die lang als Teufelswerkzeug verpönte dreizackige Gabel. Luther: „Gott, behüte mich vor Gäbelchen.“ Anders als heute war die damalige Esskultur eng mit dem Glauben verzahnt. „Ein Mensch der christlichen Vormoderne hätte sich nicht vorstellen können, dass künftige Menschen vor dem Essen nicht Gott danken,“ so Hirschfelder.

Eine gedeckte Tafel erscheint selbstverständlich

In unserer Überflussgesellschaft erscheint eine gedeckte Tafel hingegen als ebenso selbstverständlich wie ein Mobiltelefon neben dem Teller. „Bei Geschäftsessen liegen immer Smartphones auf dem Tisch“, stellt die Gastronomin Leinweber fest. Ansonsten nutzen Gäste das Handy höchst unterschiedlich: „Manche tippen pausenlos, andere fotografieren nur kurz das Essen oder lassen das Gerät gleich ganz in der Tasche.“

Was angemessen ist, kann jeder mit sich selbst und den Anwesenden klären. Wer die Grundregeln des Essens befolgt, aber Pizza gern mit der Hand isst und Gepflogenheiten wie die „20 nach 4“-Stellung bei der Besteckablage verwirrend findet, darf es sich jedenfalls beherzt munden lassen.

Andere Länder, andere (Tisch-)Sitten: Welche Tischmanieren in Italien oder Spanien, in China oder in den USA gelten.

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