Geschenkt

Traumatische Tannen

Die Säge ist doch mal ein Baumschmuck, der zum Nachdenken anregt.

Die Säge ist doch mal ein Baumschmuck, der zum Nachdenken anregt.

Foto: dpa

Weihnachten wandelt sich. Das führt zu ganz neuen Familien-Krisen. Wenn der Fest-Braten vegan sein muss und die Tanne nicht leiden soll...

Kinder sind konservativ. Wehe, wenn Weihnachten nicht so abläuft wie immer. Das gilt auch für fast erwachsene Blagen. Der Haussegen wankte, als ich Änderungen im festlichen Ritual verkündete.

Wir saßen in einem Steakhouse in Lübeck, mit unserem Sohn, der im hohen Norden ein Praktikum macht. Ein Teller voller Fleisch war eine gute Grundlage für das Thema, das ich anschneiden musste: Vegane Weihnacht. „Wir wollten mal einen Nussbraten essen“, erwähnte ich. Joey nickte, kaute, stutzte: „Nuss... von welchem Tier?“ Vom Baum, druckste ich. „Deine Schwester hat das Rezept ausgesucht.“ Während unser Sohn überlegte, ob neben seiner Schwester nun auch seine Mutter mehr Gemüse als Gehirn im Kopf hatte, holte mein Mann tief Luft: „Es gibt AUCH einen veganen Braten. Und Unmengen von Fleisch!“, stellte er klar und zwar so gnadenlos, dass sein Rindersteak posthum zitterte. Die Herren waren einverstanden, den veganen Braten zu dulden. Den Vorschlag „am Küchentisch, auf Papptellern“, überhörte ich.

Diese Intoleranz befeuerte meinen Wunsch, an Weihnachten wenigstens eine andere Spezies zu retten. Seit Jahren sehe ich den Tannenbaum mit gemischten Gefühlen. Erst wird er mit der Säge erledigt und dann zärtlich geschmückt. In Deutschland feiern wir jedes Jahr 30 Millionen entwurzelte Bäume, die friedlich atmen und feinsten Sauerstoff produzieren könnten. Meine Tochter sieht das ähnlich. Mein unsentimentaler Mann fände eine Kunst-Tanne verlockend, weil er nie mehr 400 Lichter an biestige Stacheln friemeln müsste.

Unser Sohn interessiert sich nicht für Deko. Dachte ich. Doch der Satz „Wir kaufen eine künstliche Tanne“, schlug ein wie die Axt im Walde. Joey blickte waidwunder als ein Fünfjähriger, der Heiligabend erfährt, dass nicht das Christkind, sondern Amazon alle Geschenke gebracht hat. „Ein Plastikbaum!“, empörte er sich: „Hässlich!“ „Es gibt täuschend echte...“ Aber unser Sohn hielt, mit dem Steakmesser gestikulierend, einen Vortrag von lyrischer Empfindsamkeit. Er schwärmte von sattgrünen Zweigen, harzigem Duft, „elementaren Kindheitserinnerungen“, Tannennadeln im raschelnden Geschenkpapier! Auf der Rückfahrt malten wir uns entsetzt aus, wie der Junge unvorbereitet auf den Kunstbaum getroffen wäre – eine traumatische Tanne! Der jähe Verlust von Kindheit, Heimat, Geborgenheit...

Wir haben jedes Jahr einen zu großen Baum. Diesmal kaufte mein Mann den größten, den ich je in einem Privathaus gesehen habe, womöglich müssen wir ihn ins Wohnzimmer – legen. Geschmückt wird er alles überstrahlen. Vielleicht auch den fetten Weihnachtsbraten aus glücklichen Bio-Walnüssen. Und die sechs armen Würstchen auf einem Pappteller am Küchentisch.

Würstchen, Supermarkt, 2,99 €

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