Radfahren

Vielen Kindern fällt heute das Radfahren schwer

Sie haben den Dreh bereits ganz gut raus: Die Kinder der Klasse 4a der Essener Nikolausschule beim Training auf dem Übungsplatz:

Sie haben den Dreh bereits ganz gut raus: Die Kinder der Klasse 4a der Essener Nikolausschule beim Training auf dem Übungsplatz:

Foto: Lars Heidrich

Essen/Gelsenkirchen.   Immer mehr Grundschüler fallen bei der Rad-Prüfung durch, fühlen sich im Straßenverkehr überfordert. Woran das liegt und was Eltern tun können.

„Denk an den Schulterblick!“, ruft Christina Kießlich einem Mädchen zu, das ohne sich umzuschauen links abbiegt. Wäre dies eine richtige Straße und kein Übungsplatz, Christina Kießlich nicht Polizeioberkommissarin, sondern ein schnell heranfahrendes Auto, hätte es jetzt geknallt. Ein Unfall, der tödlich enden kann.

Immer mehr Kinder haben Probleme, das Radfahren zu lernen. Laut Landesverkehrswacht sind heute fünf bis zehn Kinder pro Klasse nicht mehr fit genug für die Rad-Prüfung am Ende der Grundschulzeit. Vor zehn Jahren seien es im Schnitt lediglich zwei Schüler pro Klasse gewesen. Kießlich kann diese erschreckenden Zahlen bestätigen. Die Schüler, die an diesem Tag bei einer von vier Essener Verkehrsschulen Bremsen, Handzeichen und Schulterblick üben, sind relativ fit, so die 47-Jährige aus Bottrop. „Aber gestern waren vier Kinder dabei, die überhaupt kein Fahrrad fahren konnten. Und das ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel.“

Auch ihr Gelsenkirchener Kollege, Polizeihauptkommissar Rainer Matern, hat beobachtet, dass Kinder immer unsicher werden: „Das einfache Fahren auf einer geraden Linie bekommen viele kaum noch hin“, so der 57-Jährige. „Sie fahren Schlangenlinien, sind nicht in der Lage, auf- und abzusteigen.“ Wenn sie abbiegen und dabei das Handzeichen geben, fielen einige Schüler fast vom Fahrrad. Die körperliche Fitness, die motorischen Fähigkeiten seien heute oft nicht mehr gegeben.

Ursula Bierkämper, Lehrerin an der katholischen Nikolausschule, die mit ihrer Klasse 4a an diesem Tag auf dem Übungsplatz ist, hat den Kindern zunächst die Theorie beigebracht: Die Bedeutung der Schilder, die Regeln im Straßenverkehr. Sie teilt die Beobachtung der Polizei nicht: „Es waren immer Kinder dabei, die gut gefahren sind, und welche, die unsicher waren.“


Unterschiede zwischen den Stadtteilen

Allerdings kommt es auf Schulen und Stadtteile an, erklärt Kießlich. „Im Essener Norden ist es schwieriger als im Essener Süden.“ Das Radfahren ist bei vielen Familien mit Migrationshintergrund nicht üblich, so Matern. Auch fehlt einigen Eltern das Geld für ein Rad. „Die Kinder kommen dann in der Jugendverkehrsschule das erste Mal mit dem Fahrrad in Kontakt.“

Auch besitzen heute viele Erwachsene selbst kein Zweirad. Dabei spielt das gemeinsame Fahren eine wichtige Rolle beim Lernen. Eltern sollten sich mehr Zeit dafür nehmen, so Matern. Kießlich rechnet vor: „365 Tage im Jahr sind die Kinder bei den Eltern, 220 Tage lang bei den Schulen und nur vier bei der Polizei.“ Die zwei Stunden auf dem Übungsplatz mit der Essener Polizei und weitere zwei im richtigen Straßenverkehr reichten nicht aus, um den Kindern das Radfahren beizubringen. Sie müssten bereits früher in die Pedalen treten – in Begleitung der Eltern. Und zwar erst zum Beispiel auf einem geschützten Innenhof, dann auf gesicherten Wegen. Dabei sollten Eltern Vorbild sein, Helm tragen und die Verkehrsregeln befolgen.

Auf keinen Fall Stützräder

Was Kinder nicht brauchen, da sind sich die Experten einig: Stützräder. Damit lernen sie das Radfahren nicht richtig. Auch andere Fortbewegungsmittel sind hinderlich: „Viele Eltern und Großeltern wollen etwas Gutes tun, sie schenken ein elektrobetriebenes Gokart zu Weihnachten oder das Dreirad mit der Schiebestange. Und was passiert? Das Kind genießt den Luxus und verfällt in Passivität“, so Matern.


Viel besser ist es, wenn ein Kind bereits früh mit dem Dreirad oder Laufrad selbst fährt und danach mit dem Tretroller. „Der hilft, das Gleichgewicht sicher zu halten“, sagt Werner Blanke vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). Das sei das A und O, um sich später gut auf dem Rad zu halten, so der Vorsitzende des Kreisverbandes in Dortmund. Bewegung im Sportverein, Schwimmen lernen, auf dem Spielplatz balancieren, Seilchen springen – all das bereitet gut vor, so der 65-Jährige. Und statt Eltern-Taxi zu spielen, lieber kleinere Wege, zum Beispiel zum Bäcker, mit dem Tretroller zurücklegen.

Denn wenn ein Kind körperlich fit ist, das Gleichgewicht halten kann, wird es auch schnell das Radfahren lernen. Eltern sollten das Rad dabei aber nicht am Lenker festhalten, rät Blanke. Besser anfangs eine Hand auf den oberen Rücken legen, unterhalb des Nackens, zwischen den Schulterblättern.

Das Rad darf nicht zu groß sein

Wichtig: Das Fahrrad nicht zu groß kaufen. Kinder müssen mit den Fußspitzen auf den Boden kommen, am Anfang am besten noch mit dem ganzen Fuß, so Blanke. Und Kindern nicht einfach ein Rad schenken, sondern sie mitnehmen. Und: „Schrauben nachziehen“, empfiehlt Christina Kießlich. Fabrikneue Räder seien oft noch locker. Da halte man auf einmal das Lenkrad lose in der Hand. Blanke: „Wir vom ADFC empfehlen, lieber mehrere gebrauchte Räder statt ein neues, das ewig halten muss.“

Kritisch sieht Werner Blanke auch die Erziehung: „Es darf heute überhaupt kein Risiko mehr geben.“ Aber zu große Ängstlichkeit hilft nicht. „Kinder brauchen Selbstbewusstsein im Straßenverkehr, das Gefühl: ,Ich kriege das hin.’“

Im richtigen Moment bremsen

Und das bekommen sie durch Erfahrung. Wenn ein Kind viel fährt, muss es sich irgendwann nicht mehr auf den ausgestreckten Arm konzentrieren, wenn es abbiegen möchte. Dann macht es das automatisch und kann so gut auf den Verkehr achten. Christina Kießlich: „Wer viel fährt, der kann auch im richtigen Moment bremsen.“

Kinder bis zum achten Lebensjahr müssen auf dem Bürgersteig fahren, bis zum zehnten Lebensjahr dürfen sie es. „Mittlerweile dürfen auch Erwachsene Kinder auf dem Gehweg begleiten, das war früher verboten“, sagt Blanke. Ist der Weg jedoch durch eine Querstraße unterbrochen, müssen sie absteigen und das Rad auf die andere Seite schieben.

Gemeinsame Fahrradtour am Wochenende

Auch wenn es nun nach der Offenen Ganztagsschule oft schnell dunkel wird: Am Wochenende bleibt Zeit für gemeinsame Touren auf Fahrradwegen. Kießlich: „Ein Erwachsener fährt vor, der andere hinterher.“ Jedoch nicht die Kinder bereits alleine zur Grundschule fahren lassen, warnt die Kommissarin. Das sei viel zu gefährlich. Kinder könnten aufgrund ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung frühestens ab dem zehnten, zwölften Lebensjahr komplizierte Verkehrssituationen meistern, Entfernungen und Geschwindigkeiten richtig einschätzen und vorausschauend fahren.

Auch nach der Prüfung sind sie noch nicht sicher

„Sehr gut, Michael“, lobt Kießlich einen Jungen, der gerade sicher abgebogen ist – und vorher den Schulterblick gemacht hat. Kießlich gibt am Ende der Stunde fünf Kindern einen Zettel mit, auf dem vermerkt wird, was sie noch trainieren müssen, zum Beispiel das Bremsen, um am Stoppschild auch mit beiden Beinen sicher zum Stehen zu kommen. Der Essener Übungsplatz hat für die künftigen Prüflinge an drei Nachmittagen in der Woche geöffnet.

Aber selbst wenn die Kinder am Ende ihren Rad-Führerschein in der Hand halten, sind sie noch keine Meister. „Das Kind hat ein paar Basics erlernt, aber wir haben dann bei Weitem noch keinen sicheren Fahrer“, betont auch Rainer Matern aus Gelsenkirchen. „Man muss das Radfahren mit den Kindern üben, üben, üben.“

>> SO FAHREN KINDER SICHER MIT DEM RAD

Spätestens, wenn das Kind im Straßenverkehr unterwegs ist, muss das Rad sicher sein. Dazu zählen zwei unabhängig funktionierende Bremsen, Beleuchtung und Reflektoren, vorne und hinten, Reflektoren an Pedalen und Speichen sowie eine Klingel. Insbesondere in der dunklen Jahreszeit ist reflektierende Kleidung gut.

Viele Kinder tragen den Helm falsch. Er muss gerade auf dem Kopf sitzen, etwa Zwei-Finger-breit über den Augenbrauen, so Christina Kießlich von der Essener Polizei. Der Riemen muss quasi ein Dreieck ums Ohr bilden. Er darf nicht zu stramm sitzen, aber auch nicht unter dem Kinn baumeln. Zu oft erlebt Kießlich, dass sich die Helme mit einem kleinen Stupser nach hinten schieben lassen. Der ADFC empfiehlt, keine gebrauchten Helme zu nehmen, da sie maximal sieben Jahre lang halten.

Broschüren mit Tipps und Übungen können Eltern kostenlos herunterladen unter: udv.de (Kinder, Radfahrausbildung). Dort finden sie auch Videos, die zum Beispiel zeigen, wie Kinder richtig bremsen und absteigen.

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