Rollschuhfahren

Von der Rolle: Unsere Rollschuh-Liebe vor Starlight Express

Der Rollsportverein der Essener Gruga rollt seit über 50 Jahren.

Foto: Knut Vahlensieck

Der Rollsportverein der Essener Gruga rollt seit über 50 Jahren. Foto: Knut Vahlensieck

Rhein und Ruhr.  Lange bevor der „Starlight Express“ in Bochum seinen festen Bahnhof fand, rollten die Menschen durch die Straßen. Ein Blick aufs Rollschuhglück.

Als vor fast 30 Jahren, am 12. Juni 1988, die Dampflok Rusty ihren ersten Schnaufer am Bochumer Stadionring ausstieß, hätte wohl niemand ernsthaft prophezeit, dass der „Starlight Express“ im Jahr 2018 immer noch ungebremst weiterrollen würde. Obwohl… Ahnen hätte man es schon können, denn das Ruhrgebiet ist nicht erst mit dem Musical auf die Rolle gegangen. Es scheint vielmehr, als würden Ruhr und Rollen nicht nur sprachlich ganz gut zusammenpassen, zumindest zeitweise erfassten ganze Wellen der Rollschuh-Begeisterung die Region.

Davon können nicht nur diejenigen ein Lied singen, die beim Wochenend-Spaziergang rund um den Essener Baldeney-See schon einmal versucht haben, den Inline-Skatern aus der Fahrbahn zu gehen.

Rollschuh-Fieber aus den USA

Eine der Wellen schwappte zu Beginn der 80er-Jahre nach Deutschland, wo angefacht unter anderem durch den kitschig neonbeleuchteten Rollschuhdisco-Streifen „Xanadu“ eine gewaltige Euphorie ausbrach. So beeindruckend, dass im Ruhrgebiet gleich mehrere Rollschuhdisco-Hallen entstanden. Die erste eröffnete 1981 an der Emscher: „Hallihallo und herzlich willkommen im Rollerdrome Oberhausen“, begrüßte der Besitzer seine Gäste mit einer Lockenpracht und Pilotenbrille, die einem Atze Schröder als Vorbild gedient haben könnte.

In einem Fernsehbericht zu dieser verrückten Neuheit aus Amerika sprach der Kommentator damals leicht sensationsheischend: „Was diese Sportfreunde an den Füßen tragen, hat mit Rollschuhen etwa so viel zu tun wie ein Tretroller mit einer Harley Davidson. Es sind Rollerskates, der letzte Schrei auf dem Rollschuhmarkt.“ Im grellen Schein der bunten Neonlichter drehte die Jugend des westlichen Ruhrgebiets in der Halle, die am Bero Zentrum auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Concordia stand, ihre Runden. Ein Büchlein über den Strukturwandel in der schon damals darbenden Bergbaustadt Oberhausen trug den Titel „Vom Pütt zum Rollerdrome“, die neumodische Erscheinung stand sinnbildlich für den ersehnten Übergang von der Schwerindustrie zum Dienstleistungs- und Vergnügungssektor.

Rocker Udo Lindenberg rollte mit

Die Musik der Zeit beflügelte den Boom, denn selbst Rocker wie Udo Lindenberg entdeckten damals die Liebe zu den Skates – sie hat ihn bis heute nicht losgelassen. Und während Anfang der 80er im Rollerdrome die Teenager zu Klängen von Falcos „Kommissar“ in Vanilla-Jeans und Aerobic-Outfits auf vier Rollen ihre Choreografien und Tricks übten, ihre moderne Version des Rollschuh-Kunstlaufs, waren auch die jüngeren Kinder auf den Straßen plötzlich voll mit dabei, die im Schatten der Fördergerüste lernten, auf Rollschuhen zu laufen.

Das Auftauchen der Rollerskates bedeutete auch, dass die Läufer nicht mehr nur Metallplatten mit Rollen an ihre Straßenschuhe schnallten, sondern dass man eine Einheit aus Schuh und Rollen am Fuß hatte, die mehr Stabilität, Geschwindigkeit und Geschicklichkeit zuließ.

Mit den Rollschuhen in die Disco

Doch wie es mit Moden ist: Sie kommen und gehen. Im Fall des Rollerdromes war nach gut fünf Jahren schon wieder alles vorbei. Die Halle schloss 1986 nach einer nicht allzu langen Zeit des Niedergangs.

Fast verwunderlich, dass am anderen Ende des Ruhrgebiets eine ähnliche Freizeit-Oase fast 30 Jahre lang allen Launen des Zeitgeists trotzen konnte: In Marl Sinsen entstand Anfang 1982 der „Roller Skating Rink“, eine feste Anlaufstelle für Rollschuh-Verrückte, die bis 2011 geöffnet hatte. Auch bei den letzten Partys strahlte die Halle unverkennbar den Geist der 80er-Jahre aus – und wurde nach dem Verkauf in ein türkisches Kulturzentrum umgewidmet.

Die hübsche Retro-Disco

Die Begeisterung für den Tanz auf der heißen Rolle flammt von Zeit zu Zeit immer wieder auf. Letzten Winter veranstalteten die „Miners Oberhausen“ eine Rollschuhdisco im Stil der 80er- und 90er-Jahre. Sie sind ein Inlinehockey-Verein. Zu ihnen gehören die „Mine Monsters“, ein Rollerderby-Team. Die hübsche Retro-Disco strahlte einen stilvollen Trash-Charme aus und war eine reine Spaß-Angelegenheit, nicht allzu nah am sonst manchmal ernsten Rollschuh-Sport. „Zur ersten Rollschuh-Disco reisten sogar Leute aus Berlin und München an, um mitzufeiern“, sagt Christian Binas (32), Sprecher der „Miners“. Mit bunten Langhaarperücken sowie Rockband- und Simpsons-T-Shirts ließen die begeisterten Roller den Geist des nun frisch entstaubten Disco-Vergnügens wieder aufleben.

Auch an Orten, an denen Rollschuhsport bereits seit einer gefühlten Ewigkeit betrieben wird, kommen heute immer wieder junge Nachwuchsfahrer hinzu. Einer dieser Orte ist die Rollschuhbahn in der Gruga, die es schon seit fast 53 Jahren gibt und die zum REV Gruga gehört. Beinahe so lange ist Karin Engstfeld schon als Trainerin aktiv. Sie und ihr Ehemann haben sich einst übers Rollschuhlaufen kennengelernt, sie hat viele Läuferinnen und Läufer bereits fit für Europameisterschaften gemacht – gerade auch wieder. Die Rollschuhbahn in der Gruga kann auch von Nicht-Vereinsmitgliedern genutzt werden, für 1 € können Kinder, für 1,50 € Erwachsene dort fahren.

Es gibt wieder einen Rollschuh-Boom

Gerade gibt es wieder einen Boom: „Unsere Mitgliederzahl ist in den letzten drei Jahren von 250 auf 340 gewachsen. Das liegt auch am Auftritt von Maria Voskania, die sich im Finale von ,Deutschland sucht den Superstar‘ auf Rollen wagte. Und an der auf dem Disney-Channel gezeigten Serie ,Soy Luna‘, die junge Mädchen begeistert.“ Von ähnlichen Zuwächsen berichten die Miners in Oberhausen. Hinzu kommt, dass sich viele junge Frauen für Roller Derby begeistern, einen Vollkontaktsport, weshalb der REV sein Team „RuhrPott Roller Girls“ gegründet hat.

Den Rollschuhläufern geht nicht der Nachwuchs aus, im Gegenteil: Sie sind jung geblieben wie auch der stets frisch gewartete und runderneuerte „Starlight Express“.

>> Reizvolle Inliner-Strecken in der Region

Ein Klassiker, aber alles andere als ein Geheimtipp: Die Strecke rund um den Baldeneysee. Gerade am Wochenende bei gutem Wetter sind auf den 14 Kilometern viele Skater unterwegs – zusätzlich zu Radlern und Fußgängern.

Sehr Skater-freundlich ist die Strecke um den Kemnader See, die getrennte Spuren für Fußgänger, Skater und Radfahrer hat und so für freien Verkehr garantiert. Mit 355-LED-Mastleuchten ist die 10,4 Kilometer lange Skater-Strecke bis 23 Uhr abends auch noch beleuchtet.

Traumhaft für Skater mit Faible für Industrieromantik ist auch die Erzbahntrasse, die sich zwischen Bochumer Jahrhunderthalle und Gelsenkirchener Nordsternpark auf 20 Kilometern erstreckt.

Weiter kann man dann noch zur Zeche Zollverein skaten, bis dorthin sind es vom Nordsternpark aus noch zusätzliche 5 Kilometer.

Regelmäßig findet die Düsseldorfer Rollnacht statt (www.rollnacht.de), bei der es von der Reuterkaserne durch die Stadt geht. Nächste Termine: 14. Juni, 12. & 26. Juli, 9. & 30. August.

Eine eigene Rollnacht veranstaltet auch der Post SV-Buer (30. September, 18.30 Uhr), weitere Infos im Internet unter der Adresse www.skater.ruhr

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