Nachnamen

Warum gibt es eigentlich keinen Herrn Systemadministrator?

Wäre die Welt einfach, wenn Menschen als Nachnamen den Beruf eines Elternteils hätten?

Wäre die Welt einfach, wenn Menschen als Nachnamen den Beruf eines Elternteils hätten?

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Essen.   Ob Müller, Schneider, Busch: Früher haben Nachnamen die Lebenswelt des Trägers abgebildet. Wann hat das aufgehört – und kommen neue Nachnamen?

Die Liste der am weitest verbreiteten deutschen Familiennamen liest sich bisweilen wie das Branchenbuch einer mittelalterlichen Kleinstadt. Und strahlt so eine gewisse Nostalgie aus, denn manche dieser Gewerbe sind längst ausgestorben. Wo gibt es noch den Böttcher (also Fassmacher), den Leinenweber oder den Köhler (Holzkohlehersteller)? Wer allerdings losgeht und auf Klingelschildern oder in Telefonbüchern nach einem Herrn Systemadministrator oder einer Frau Grafikdesignerin sucht, erzielt keine Treffer.

Doch warum ist das eigentlich so? Die Antwort führt zurück in das hohe Mittelalter, als man nicht Müller, Schulze oder Schmidt hieß, sondern einfach nur Gernot, Hadubrand oder Walburga. Denn die Deutschen haben nicht immer Familiennamen gehabt, weiß Gabriele Rodriguez von der Namenberatungsstelle der Universität Leipzig: „Anfangs reichten Rufnamen zur Unterscheidung aus. Nur der Adel hatte schon früh Beinamen wie der Große, der Mächtige. Später bildeten sich aber die ersten Ballungszentren heraus, in den Städten legte man Bürgerbücher an, in Kanzleien wurden Urkunden aufgesetzt, zum Beispiel Kaufverträge.“

Anfangs nur Beinamen üblich

Wenn zum Beispiel Käufer und Verkäufer beide Johannes hießen, stellte sich die Frage: was nun? „Um die beiden Personen zu unterscheiden, bekamen sie eine Reihe von Beinamen, etwa: Sohn von Siegfried, tätig als Fleischer, aus dem Ort Steinbach“, beschreibt die Diplom-Philologin die damals übliche Benennungsmethode.

Das färbte langsam auf die ganze Familie ab, wobei der Trend zum Nachnamen im Westen begann und dann weiter nach Osten wanderte – in Frankreich und Italien legten sich Bürger bereits im 9. und 10. Jahrhundert eine Ergänzung zum Vornamen zu, in Deutschland beginnt diese Entwicklung erst im 12. Jahrhundert. Dabei gehören hierzulande neben Berufsnamen auch die aus dem Vornamen des Vaters gebildeten Namen („Petersen“, „Hansen“, „Thomsen“) und die Herkunftsnamen zu den besonders häufig gewählten Namensformen. So wohnte der Beckmann beim Bach, der Kirchhoff beim Kirchhof und der Hagedorn irgendwo hinter dornigem Gestrüpp.

Johannes der Große, der Kleine, Langnese

Doch damit ist das kreative Repertoire noch lange nicht ausgeschöpft. „Aus Eigenschaften wurden sogenannte Übernamen gebildet, etwa Johannes der Große, der Kleine, Langnese – also mit langer Nase –, oder Fuchs, was auf die rote Haarfarbe hinweisen konnte, oder auf eine waldbezogene Tätigkeit als Förster oder Jäger“, so Rodriguez.

Dazu kamen regionale Besonderheiten bei der Namensgebung. „In Westfalen und Bayern waren Hofnamen üblich, die sich auf einzelne Höfe bezogen, man hieß also nicht einfach Meier, sondern etwa Altmeier, Jungmeier, Hintermeier, Mittermeier, Vordermeier“. Wobei der Hofbesitzer Meier – abgeleitet vom lateinischen „Maior Domus“, zu deutsch: Hausmeier – natürlich auch Maier, Mayer oder Meyer heißen konnte. Da es noch keine Regeln für die Rechtschreibung gab, wurden Namen nämlich frei nach Gehör aufgeschrieben, was für weitere Varianten sorgt – so zeigt der Blick auf die Karten des an der Universität Mainz herausgegebenen Namensatlanten von Nord nach Süd und West nach Ost einen bunten Flickenteppich aus zahlreichen Formen einzelner Nachnamen.

Regionale Unterschiede

Die unterschiedlichen Dialekte in deutschen Landen sorgten zudem für sprachlichen Lokalkolorit: Müller heißt zum Beispiel in Norddeutschland Möller, in Süddeutschland Miller. Neumann — also jemand, der an einem Ort neu hinzugekommen ist, heißt in Mitteldeutschland Naumann, in Norddeutschland Niemann, als slawische Version gibt es auch den Namen Nowak.

Streng genommen endete die große Freiheit bei der Namensgebung erst 1875, als im Deutschen Reich die Standesämter eingeführt wurden und ab jetzt darüber wachten, dass der Familienname korrekt nach amtlichen Richtlinien von einer Generation auf die nächste vererbt wurde, inklusive der damals gebräuchlichen Rechtschreibung, die teilweise noch deutlich von unserer abwich. Neue Berufe wurden allerdings auch zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr zu Familiennamen, schränkt Gabriele Rodriguez ein: „Bereits gegen Ende des Mittelalters sind die Nachnamen schon fest und werden vererbt. Den Übergang erkennt man daran, dass ein Herr Müller gar nicht mehr unbedingt Müller war, sondern vielleicht Fleischer oder Bäcker.“

Kaum Korrekturen

Trotzdem tauchen immer wieder neue Namen auf, wenn auch kein Herr Youtuber und keine Frau Volleyballerin darunter ist – denn die bürokratischen Hürden sind so hoch, dass selbst Korrekturen an bestehenden Namen nur in Ausnahmefällen möglich sind. Die „Verwaltungsvorschrift zum Gesetz über die Änderung von Familiennamen und Vornamen“ zielt vor allem auf Härtefälle ab – etwa auf Namen, die zu lang sind, zu schwer auszusprechen sind oder im sozialen Umfeld Probleme bereiten.

Wer etwa Blödhorn heißt, darf sich in Blühdorn umbenennen lassen. Manchmal sind sogar selbstgewählte Namen möglich, etwa wenn Verwechslungsgefahr besteht, weil Vor- und Nachname sehr häufig sind. So hat Lieschen Müller gute Chancen, mit einem Änderungsantrag beim Standesamt durchzukommen. Allerdings muss der neue Name bereits als Nachname registriert sein: Chirurg oder Berufskraftfahrer geht also auch in Zukunft nicht, Wiesengrund oder Wohlgemuth schon.

In Deutschland 850.000 verschiedene Familiennamen

Außerdem haben sich natürlich alleine schon durch die kontinuierliche Zuwanderung von Arbeitskräften neue Familiennamen in Deutschland eingebürgert, siehe etwa polnischstämmige Schimanskis oder Kowalskis oder türkischstämmige Yildirims oder Öztürks.

Apropos: Die meisten türkischen Nachnamen sind übrigens noch nicht mal 100 Jahre alt – erst mit Atatürks Modernisierungspolitik der 1920er Jahre wurden sie am Bosporus zur Pflicht. So hat man es mit sprechenden Namen zu tun: Yildirim etwa bedeutet „Blitz“, Öztürk wiederum „echter Türke“. Yilmaz, gleichbedeutend mit „mutig, unerschrocken“, der häufigste türkische Familienname in Deutschland, steht im Namensranking mittlerweile immerhin auf Platz 578, kurz hinter Mielke, kurz vor Fritzsche.

Arbeit in Deutschland an erster Stelle

Insgesamt gibt es in Deutschland etwa 850.000 verschiedene Familiennamen, weiß Rita Heuser. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz ist mitverantwortlich für das „Digitale Familiennamenwörterbuch Deutschlands“. Bislang sind hier knapp 28.000 Namen erfasst – und mit einem Klick erfährt man diverse Informationen wie die Verbreitung des Namens, Etymologie und die Häufigkeit. Die Datenbank soll auf 200.000 Artikel anwachsen.

Ein Blick auf die Namenslandschaften unserer westlichen und südlichen Nachbarn kann übrigens auch einen interessanten Hinweis darauf geben, was typisch deutsch ist: „Während bei uns Berufsnamen im Vordergrund stehen, sind in den romanischen Sprachgebieten die häufigsten Familiennamen Vaternamen, etwa Rodriguez in Spanien, also Sohn von Rodrigo, Martin in Frankreich, also Sohn von Martin.“ Das weise auf einen kulturellen Unterschied hin: „In Deutschland identifizieren wir uns traditionell weitaus stärker über unsere Arbeit, Familie steht nicht unbedingt an erster Stelle.“

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