Handys

Warum junge Menschen sich beim Telefonieren unwohl fühlen

Generation Sprachnachricht: Kim Böhme (23) hat ganze Chat-Verläufe, die nur aus Audio-Aufnahmen bestehen.

Generation Sprachnachricht: Kim Böhme (23) hat ganze Chat-Verläufe, die nur aus Audio-Aufnahmen bestehen.

Foto: Ralf Rottmann

Essen.  Telefonieren, SMS schreiben, Whatsapp tippen? Vorbei! Jugendliche schicken lieber Sprachnachrichten. Und Stress droht, wenn das Handy klingelt.

Früher hingen Teenager ununterbrochen am Familientelefon. Quatschen, quatschen, endlos quatschen: Die lange Leitung schängelte sich unter der Tür ins Jugendzimmer, der Apparat war stundenlang nicht mehr gesehen. Das Telefon als heißer Draht zu den Freunden!

Und heute? Jeder Jugendliche hat ein Handy, aber kaum einer telefoniert noch damit! Was ist da los? Das fragen sich zumindest die Älteren, die sich vor ein paar Jahren noch über SMS- und Whatsapp-Tipperei beschwerten. Längst sind Messenger-Dienste die am häufigsten verwendete Funktion von Smartphones. Gewinner bei den Jüngeren: Sprachnachrichten. Für Ältere erklärt: Man schickt dem Ansprechpartner eine Aufnahme seiner Stimme per Messenger-App. Als würde man auf den elektronischen Anrufbeantworter sprechen – ohne vorher angerufen zu haben.

„Kein Schwein ruft mich an, keine Sau interessiert sich für mich…“

Max Raabe (1992)

„Ich habe ganz viele Chat-Verläufe, in denen es nur noch Sprachnachrichten gibt“, sagt Kim Böhme (23) aus Iserlohn. Sie ist damit nicht alleine. In einer Umfrage des Telefonanbieters Swisscom zur Handynutzung unter Jugendlichen landete „telefonieren“ auf dem achten Platz. In der Gruppe der 16-17-Jährigen haben Sprachnachrichten das Telefonieren längst überholt.

„Als ich mich mit meinen Freundinnen über das Thema unterhalten habe, haben wir festgestellt, dass Telefonieren ganz, ganz selten vorkommt. Höchstens, wenn eine Freundin mal im Urlaub war. Aber es dauert ja oft, bis man da einen Termin findet“, so Kim Böhme. Selbst anrufen? Ist für sie meist die letzte Option, wenn’s dringend sein muss.

„Manchmal gehe ich gar nicht ran.“

Was, wenn man angerufen wird? „Manchmal gehe ich gar nicht ran. Weil ich denke: Wenn es wirklich wichtig ist, wird die Person noch mal anrufen oder schreiben“, sagt die Studentin. Wenn das Handy klingelt oder vibriert, empfinden viele junge Menschen heute einen gewissen Druck, gleich mit einem Gesprächspartner konfrontiert zu sein, auf den sie nicht richtig reagieren können. Ein Anruf ist fast etwas Intimes, Dringliches und kann zu Angstschweiß führen, so scheint’s.

„Ich bin der Telefonmann, ich gehe immer dran, ich bin immer parat, am Telefonapparat.“

Helge Schneider (1993)

Für die Älteren ist das Hin- und Herschicken von Tonaufnahmen oft schwer nachzuvollziehen. Das hat auch Katharina König (36) vom Germanistischen Institut der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster festgestellt. „Wenn ich Dialoge vorstelle, in denen einige Nutzer ausschließlich über Sprachnachrichten kommunizieren, die zudem noch in einem sehr engen Zeitfenster verschickt werden, wird mir oft die Frage gestellt ,Warum telefonieren die nicht einfach miteinander?‘“ berichtet die Linguistin, die zu Sprachnachrichten forscht und mehrere Gründe für den Erfolg der aufgenommenen Botschaft sieht.

„Mit Telefonaten geht man stets bestimmte interaktionale ,Verpflichtungen‘ ein: Man kann nicht einfach aufhören, sondern muss das Ende eines Gesprächs einleiten und mit der Gesprächspartnerin aushandeln, dass beide Parteien nichts Dringendes mehr zu sagen haben. Man ist also für eine bestimmte Zeit an die Interaktion gebunden. Bei Sprachnachrichten haben die Nutzer mehr Kontrolle über ihren Beitrag: Sie entscheiden, wann alles gesagt ist, wann die Nachricht abgeschickt wird, ohne unterbrochen werden zu können“, so König.

Sprachnachrichten haben mehrere Vorteile

Die Sprachnachricht hat im Gegensatz zum Telefonanruf weitere Vorteile: Man kann selbst entscheiden, wann man sie abhört. Und kann sich die Zeit zum Antworten nehmen, also auch noch einmal über die Antwort nachdenken. Und: Wer sich beim Aufsprechen einer Nachricht verhaspelt, kann sie einfach noch einmal aufnehmen.

„Dann rufst du an, und ich fange an zu träumen, sowas darf man nicht versäumen.“

Trio, „Herz ist Trumpf“ (1983)

Gehen durch die indirekte Kommunikation die Gefühle verloren? „Gerade Sprachnachrichten, die zu Beginn eines neues Dialogabschnitts geschickt werden, sind oftmals auf besondere Weise als hörbare ,Spektakel‘ ausgestaltet: Sprecher erzählen mit aufgeregter Stimme von einem Erlebnis, das sie gerade hatten. Sie singen Geburtstagsständchen. Wenn man zu spät kommt, schicken sie schnell eine Sprachnachricht, in der sie atemlos berichten, dass sie gleich da sind“, berichtet König. Möglich ist natürlich auch, eine Sprachnachricht von einer Party oder einem Konzert zu schicken, bei denen sich die Sprecherin oder der Sprecher gerade amüsiert. „Sie können ihre Stimme als kommunikative Ressource einbinden, sie können Aufgeregtheit, Freude oder Ärger anzeigen. Sprachnachrichten lassen sich also nicht nur schneller produzieren, sondern können ein kommunikatives Geschehen hörbar machen.“

Whats­app führte Sprachnachrichten 2013 ein

Wenn Sprachnachrichten so viele Vorteile haben, warum haben das die Über-35-Jährigen nicht entdeckt? Weil es die Technologie nicht gab. Whats­app führte Sprachnachrichten 2013 ein, vor weniger als sechs Jahren. Wer da Ende 20 oder älter war, hatte sich daran gewöhnt, anders zu kommunizieren.

„Wähle 3-3-3 auf dem Telefon, wähle 3-3-3 und du hast mich schon, wähle 3-3-3 und dann glaube mir, ich bin 1-2-3 schon bei dir.“

Graham Bonney (1969)

Für Kim Böhme aus Iserlohn ist es ganz normal, dass die Sprachnachrichten eher von Gleichaltrigen kommen: „Wenn ich von meiner Mama eine Whatsapp bekomme, dann ist sie geschrieben, nicht gesprochen. Und wenn es dringend ist, dann ruft sie mich an.“

>>> Der lange Weg zu Handy und SMS

Der elektrische Telegraf wurde 1833 und bis zum Jahr 1844 von Samuel Morse zum Schreibtelegrafen verbessert.

Alexander Graham Bell gilt bei vielen als Erfinder des Telefons (1867), doch andere waren ihm Jahre voraus, darunter der Deutsche Johann Philipp Reis.

Mobiltelefone gab’s schon in den 1970er-Jahren, doch erst die Einführung des D-Netzes ‘92 verhalf dem Handy zum Durchbruch.

Die erste E-Mail wurde schon 1971 versendet, die erste SMS im Jahr 1992 – und sie enthielt eine immer noch gern versendete Botschaft: „Merry Christmas.“

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