Werte

Warum Tugenden heute wieder in den Unterricht gehören

Ina Seidel-Rarreck erklärt den ihren Schülern, welche Faktoren wichtig für die Tugend „Sorgfalt“ sind.

Ina Seidel-Rarreck erklärt den ihren Schülern, welche Faktoren wichtig für die Tugend „Sorgfalt“ sind.

Foto: Fabian Strauch

Gelsenkirchen.  Gelsenkirchens Schüler bekommen Begriffe wie „Sorgfalt“, „Achtsamkeit“, „Respekt“ vermittelt. Die Schule springt ein, wo Familien oft versagen.

Die vertrocknete Blüte einer Sonnenblume macht die Runde im Stuhlkreis der Achtklässler. Besonders die Kerne erregen das Interesse. Einige probieren, andere nehmen einen mit. Zum Einpflanzen. „Wenn daraus eine neue Sonnenblume wachsen kann, bedeutet das doch, dass alle Angaben, wie die mal aussehen wird, im Samen gespeichert sind. Wie auf einem Computerchip. Genauso ist das mit den Tugenden. Die sind alle in uns angelegt. Und so, wie wir diese Pflanze pflegen, müssen wir auch die guten Eigenschaften in uns selbst pflegen.“

„Die Tugend der Woche ist die Sorgfalt.“

Ina Seidel-Rarreck ist selbstständige Trainerin für moderne Umgangsformen, Tugenden und Werte. Jede Woche kommt sie in die Malteserschule, eine Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen sowie seelische und emotionale Entwicklung im Gelsenkirchener Süden. „Die Tugend der Woche ist die Sorgfalt“, erklärt die 54-Jährige, was heute auf dem Programm steht. Für manch einen im Raum ist das noch ein abstrakter Begriff. „Das bedeutet, man trägt Sorge, dass etwas gut klappt. Das hat viel zu tun mit der Tugend der vergangenen Woche. Welche war das?“ Ein Schüler meldet sich: „Achtsamkeit.“ Richtig. „Aber man braucht noch vier andere Faktoren.“ Nummer Eins: „Zeit.“

Das verdeutlicht ein praktisches Beispiel. Zwei weiße Blätter mit dem Bild eines Osterhäschens in der Mitte werden verteilt. Jeweils eine junge Dame soll diesen ausschneiden. Die eine in 30 Sekunden. Die andere in der Zeit, die sie braucht. Natürlich trägt das erste Ergebnis Spuren der Eile. Sofort überträgt die Trainerin dies auf die täglichen Hausaufgaben. „Wenn ich die unter Zeitdruck mache, sehen die so aus. Denkt immer an den Hasen.“

Debatte um Werte

Im vergangenen Jahr wurde deutschlandweit die Debatte um Werte derart groß, dass der Verband Bildung und Erziehung eine Studie dazu in Auftrag gab. Das Ergebnis: Eltern wie Lehrern sind Tugenden wichtig. Gleichsam sehen sie sie nicht mehr vermittelt. Bestenfalls gut die Hälfte der Eltern geben je nach Fragestellung an, der eine oder andere Wert werde erfolgreich gelehrt. Die Vermittlung wird heute im Wesentlichen als eine Aufgabe der Schule angesehen.

Früher wirkten an der Erziehung von Kindern viele Menschen mit, allen voran die unterschiedlichen Generationen innerhalb der eigenen Familie. Aber auch die Mitglieder der individuellen sozialen Strukturen, die Nachbarn, der Fußballtrainer, der nette Polizeibeamte, der für den Bezirk zuständig war. Heute beherrschen der Drang nach Selbstentfaltung und der daraus resultierende Individualismus das Leben. Das Miteinander in der realen Welt leidet darunter, so die Studie.

Erst die Eltern schulen

„Man müsste tatsächlich erst die Eltern schulen“, sagt Ina Seidel-Rarreck. „Die geben Kindern nur wenig mit auf den Weg. Wenn man zum Beispiel eine Mutter sieht, die mehr auf ihr Handy schaut als auf das Kind, fragt man sich, wo bleibt da die Fürsorge? Übrigens auch eine Tugend.“

Der Verband Bildung und Erziehung forderte im November, Schulen freiere Gestaltungsräume im Unterricht und notwendige Ressourcen einzuräumen, um einen „Tugendunterricht“ zu ermöglichen. Ersteres geschieht in der Malteserschule schon seit Jahren. Allerdings nur, weil man in der „Manuel Neuer Kids-Foundation“ einen zahlungsbereiten Partner gefunden hat.

Die innere Einstellung gehört dazu

Die nächste praktische Übung steht an. Zwei Schüler erhalten jeweils ein kurzes Gedicht, welches sie auswendig lernen sollen – im Klassenraum und bei erhöhter Lautstärke. Schon schwillt die an. Da lassen sich die anderen nicht lange bitten. Eine Schülerin mit roten Haaren konzentriert sich sichtlich auf ihr Blatt. Dennoch kann sie sich wenig später an nichts erinnern. „Keine Chance“, weiß die Trainerin. „Es geht nicht. Das liegt aber nicht an euch. Ich muss Sorge tragen, dass es ruhig ist.“ Sonst kann Sorgfalt nicht gelingen.

Schon folgt ein nächstes Beispiel – für die richtige innere Einstellung. „Dazu sagt man, man bekommt eine Haltung zu etwas“, erklärt die Mutter und schüttet gleich mal frisch gewaschene Wäsche auf einem Handtuch aus. „Wäsche falten. Wer von euch kann das?“ Eine Schülerin meldet sich freiwillig. Sie erstaunt die anderen. „Meine Tochter kann viel von dir lernen“, lobt Ina Seidel-Rarreck. Dann rechnet sie aus, wie viele Shirts die Mutter in einer großen Familie so in der Woche vermutlich faltet. Ganz nebenbei empfinden die Schüler eine weitere Tugend: Respekt – für die Mama zu Hause.

Tugenden mit Seele und Inhalt füllen

Solch praktische Übungen sind besonders wichtig, findet die Trainerin. „Man muss über Tugenden sprechen und sie mit Seele und Inhalt füllen. Man muss es schaffen, die Kinder zu berühren, um für sie die Tugenden erlebbar zu machen.“ Nur wenn diese benannt und erlebt werden, speichert das Gehirn sie ab. Wie Vokabeln. „Dann kann ich das Verhalten in anderen Situationen von dem Kind einfordern.“ Das übrigens könne jeder praktizieren, ob Lehrer, Eltern, Großeltern.

Ein Faktor fehlt, damit Sorgfalt gelingen kann. „Konzentration“, meint ein Mädchen und liegt goldrichtig. Die wird jetzt geübt. Mit Isolationsbewegungen aus dem Jazz Dance. Dabei bewegen sich beide Arme in einem bestimmten Ablauf. Nur zeitversetzt. Ein bisschen wie bei einem musikalischen Kanon. Im Klassenraum sorgt das für Heiterkeit. „Das ist Sport für das Gehirn, der uns hilft, wacher zu werden und Aufgaben besser bewältigen zu können.“

Besser im Leben zurechtkommen

Das Ende der Stunde ist nahe. Gleich werden die Schüler wieder in den Alltag entlassen. Einem, in dem sie die erlernten Tugenden vielleicht schon anwenden. Ina Seidel-Rarreck zumindest ist zuversichtlich, dass ihre zweijährige Arbeit mit den Schülern etwas bringt. Am Ende der Schullaufbahn soll das Erlernte helfen, im Leben zurechtzukommen. Deswegen stehen auch später noch Benimmregeln und Etikette auf dem Lehrplan. Auch die gehören zum Rüstzeug für das erfolgreiche Bestehen in der Welt.

Für heute fehlt nur noch das Fazit: „Die Sorgfalt kann man den ganzen Tag praktizieren. Angefangen beim Zähneputzen am Morgen. Alles, was mit Sorgfalt gemacht wird, hat eine gute Qualität.“

>>> Tugenden sind universell

Ina Seidel-Rarreck absolvierte eine Ausbildung beim internationalen Verein „Virtues Project“. Hier unterscheidet man zwischen Werten und Tugenden. Auch wenn viele Menschen ersteres sagten und zweites meinten, erklärt die Trainerin.

„Werte gibt sich eine Gruppe selbst. Tugenden dagegen sind universell. Sie beziehen sich auf den Charakter einer Person und werden überall verstanden.“ Auch wenn sie zuweilen von den Menschen jeweils anders bewertet würden. Wie zum Beispiel die Pünktlichkeit. „Trotzdem weiß jeder, was das ist. Egal woher er kommt.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben