Sachbuch

Was Menschen kurz vor ihrem Tod am meisten bereuen

Dankbarkeit – in den letzten Momenten des Lebens sind viele Menschen dankbar für ihre Lieben.

Dankbarkeit – in den letzten Momenten des Lebens sind viele Menschen dankbar für ihre Lieben.

Foto: Kai Kitschenberg

Essen.   Was denken Menschen kurz vor ihrem Tod? Christiane zu Salm, frühere Geschäftsführerin des Musiksenders MTV, hat als ehrenamtliche Sterbebegleiterin Antworten auf diese Frage gefunden. In ihrem Buch „Dieser Mensch war ich“ erzählt sie, was Sterbende in den letzten Momenten ihres Lebens bewegt.

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Welchen Nachruf würden sie sich selbst schreiben? Christiane zu Salm hat Sterbende gefragt. Nicht die großen Berühmtheiten, sondern die ganz normalen Leute, von der Verkäuferin bis zum Kneipenbesitzer. Die Nachrufe hat sie in ihrem aktuellen Buch gesammelt.

Sie haben die Menschen beim Abschied vom Leben erlebt. Gab es etwas, was sie alle noch unbedingt loswerden wollten?

Die schlechten Gefühle sowie Dankbarkeit. Viele haben es auch geschafft, Geheimnisse zu gestehen, zu verzeihen, Wut loszulassen, ungelöste Konflikte anzusprechen und zu sagen, was sie bereut haben. Die vielen Konjunktive – „hätte ich doch nur“ – sind zwar traurig, aber auch gut. Damit kann man den Hinterbliebenen etwas mit auf den Weg geben, was sie anders machen können. Und das Aussprechen – von allem Ungelösten oder auch allem Guten – schafft Frieden.

Was bereuen die Menschen am meisten?

Wenn sie nicht dne Mut hatten, ihr eigenes Leben zu leben, weil sie Angst vor der Reaktion der anderen hatten. Und generell bereuen die Menschen, dass es zu spät ist, Dinge ins Reine zu bringen. Da war eine Frau dabei, die als Prostituierte gearbeitet hat, heimlich. Sie gesteht das ihrer einzigen Tochter am Sterbebett: „Mach es besser, meine Tochter, raff dich auf!“ Danach war sie erleichtert, weil sie es endlich gesagt hatte.

Und wofür sind sie am dankbarsten?

Für die Liebe und Zuwendung ihrer Mitmenschen, ihrer Familie oder auch Freunde. Und mir ist aufgefallen, dass ganz viele Menschen wirklich harte Schicksalsschläge erleiden mussten und trotzdem gesagt haben: „Ich hatte ein erfülltes Leben.“ Wer weiß schon von uns, wie das richtige Leben geht, wer kann schon von sich behaupten, dass er das vollkommene Glück dauerhaft lebt? Ein unvollkommenes Leben bedeutet also nicht ein unerfülltes Leben, und das hat etwas Erleichterndes. Die Menschen sind schon in der Lage, zum Schluss dankbar zu sein, auch für alle Hürden – weil sie daran gewachsen sind.

Menschen, die sich am Sterbebett verabschieden müssen, fühlen sich oft gehemmt. Da scheint es Tabus zu geben: Darf man jetzt noch lachen?

Es ist gut, wenn die Angehörigen auch beim Abschied noch mal Fröhlichkeit zulassen. Ich habe das oft erlebt, dass am Sterbebett gelacht wurde. Das ist ganz wichtig. Das hat auch etwas mit Würde zu tun. Und es ist wichtig, nicht zu verdrängen, sich wirklich zu verabschieden. Dazu gehört die Akzeptanz, dass dieser Mensch geht.

Sie schreiben, dass Sie das Leben immer wieder vom Ende her betrachten. Wie hilft Ihnen das?

Es hilft mir, zu unterscheiden zwischen wichtig und unwichtig. Es hilft mir, dass ich mich von den Kleinigkeiten des Alltags nicht mehr so gefangen nehme. Wir alle haben die freie Wahl zu entscheiden, ob wir uns über den Nachbarn ärgern – oder ob wir verzeihen. Diese Perspektive, vom Ende her zu denken, ermöglicht einen sehr viel gelasseneren Blick aufs Leben.

  • Christiane zu Salm: Dieser Mensch war ich – Nachrufe auf das eigene Leben. Goldmann, 253 Seiten, 17,99 Euro
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