Jasis Woche

Wenn die Wände gallig werden

Was für ein Drama: Unsere Kolumnistin zieht um. Und sie kommt überhaupt nicht zurecht. Allein schon die Auswahl der Wandfarbe..... Furchtbar !

Ist Ihre Küche pink? Ihre Wohnzimmerwand pistazienfarben? Und wenn man Ihre Wohnung betritt, dann umfängt einen sofort die entspannte, entschleunigende Aura eines Yoga-Studios?

Nicht? Dann sind Sie überhaupt nicht im Trend. Ich übrigens auch nicht. Woher ich das weiß? Ich lese neuerdings Wohnzeitschriften. Hab ich früher nie gemacht. Wozu sollte das gut sein? Ich wohne ja. Aber bald wohne ich nicht mehr, also: ich wohne dann immer noch. Aber woanders. Wir ziehen um. Und in neuen Wohnungen ist ja alles neu, sogar das alte. Und nichts passt mehr. Deswegen blättere ich mich nun durch „Living“-Hefte, verfolge im Handy die Blogs von „Interior“-Ratgeberinnen, arbeite mich durch Artikel wie „Pfiffige Ideen für kleine Küchen“, „So gewinnen Sie Stauraum“ oder „Mit Pflanzen Räume inszenieren“. Dabei kann von Inszenieren noch gar keine Rede sein, wir sind ja schon froh, wenn alles irgendwo steht. Zum Beispiel das olle, superbequeme Samtsofa, das zwar schon von zwei Katzengenerationen als Kratzbaum, Ruheoase und leider auch als Klo benutzt wurde, das aber trotzdem mit muss. Schon allein deshalb, weil wir nicht auf dem Boden sitzen wollen. Da kommen wir in unserem Alter ja gar nicht mehr alleine hoch.

Apropos Boden, da müssen wir uns auch noch kümmern.... Ich schlage nichts ahnend eine Wochenzeitung auf, natürlich mit Wohnbeilage. Das Thema auf Seite 3: Bodentrends. Ich weiß nun alles über Trittschalldämmung, Anpassungsprofile und potenzielle Ausdünstungen von bedenklichen Weichmachern. Im Netz stoße ich jetzt überall auf Videos mit Verlegeanleitungen. Ich möchte das nicht. Ich verlege nichts.

Ich möchte lieber genauso sein, wie diese Leute, die in den Wohnzeitschriften ihre Häuser vorzeigen, und immer so wirken, als seien sie in ihrem ganzen Leben noch nie mit so profanen Sorgen belastet worden wie Bodenbelagweichmachern, Nachsendeanträgen oder der Frage, wann endlich der Küchenplaner vom Einrichtungshaus zurückruft oder ob man vorsichtshalber einen Großauftrag an den China-Imbiss um die Ecke vergibt, damit man in den nächsten Monaten auch ohne Herd und Kühlschrank irgendwas Nahrhaftes zwischen die Zähne kriegt.

Ich nehme allerdings an, dass die Leute aus den schönen Wohnheften auch öfter mal im Imbiss aus der Nachbarschaft bestellen, denn ihre Luxusküchen sehen immer porentief rein und völlig unbenutzt aus. Nirgendwo steht eine klebrige Flasche mit Olivenöl, es gibt kein schmutziges Geschirr und keine angebrochenen Müslipackungen. Dafür sind Räume (und zwar alle) neuerdings farbig angestrichen. Wegen der Wohlfühlstimmung. Weiß an den Wänden ist nämlich zu kalt und ungemütlich. Deswegen wird’s bei uns jetzt grün. Grün ist im Trend. Und schön. Also, theoretisch. Ich hab gleich zwei Eimer gekauft. Der Farbton - so wird er angepriesen - stehe für Ausgeglichenheit und Naturverbundenheit. Wir haben probegestrichen. Jetzt sieht die Wand ganz kränklich aus, so als sei ihr furchtbar übel geworden. „Irgendwie unappetitlich“, sagt mein Mann. Da nehmen wir doch besser ein ganz biederes, ungemütliches Weiß.

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