Das besondere Museum

Wie das Design der 20er- und 30er-Jahre die Welt veränderte

Das Motorrad „Ardie Silberfuchs“ Typ ZL 30 von 1930 hatte einen Rahmen aus Aluminium.

Das Motorrad „Ardie Silberfuchs“ Typ ZL 30 von 1930 hatte einen Rahmen aus Aluminium.

Foto: Olaf Fuhrmann

Oberhausen.   Im Peter-Behrens-Bau zeigt die Schau „nützlich & schön“, wie Materialien und Produktdesign der 20er- und 30er-Jahre unser Leben revolutionierten.

Das größte und prächtigste Stück, das man an diesem Ort bewundern kann, ist das Haus selbst: Der Peter-Behrens-Bau, entworfen von eben jenem bekannten Architekten, Designer und Wegbereiter des Bauhaus, errichtet zwischen 1920 und 1925. Der sachliche und doch raffiniert-ästhetische Entwurf war einst das Hauptlager der Oberhausener Gutehoffnungshütte. Deshalb wäre der Titel „nützlich & schön“, wie die derzeitige Sonderschau heißt, für das ganze Industriedenkmal wie maßgeschneidert.

Einfach gesagt vereint der Backstein-Bau drei Funktionen: In der obersten Etage (mit sensationellem Ausblick auf Gasometer und Neue Mitte), widmet er sich dem Schaffen von Peter Behrens (1868-1940), über das es längst zig Bücher gibt. Darunter liegen die Depot-Etagen des LVR-Industriemuseums, das den Bau seit 1998 nutzt. Hier liegt Zeitgeschichte in Regalen: Fahrschul-Modellautos, Zapfsäulen, Waffeleisen, Wäscheschleudern, Spielzeugherde, Kleider, nur scheinbar ein wildes Sammelsurium – tatsächlich aber eben alles an seinem Platz.

Wenn Michael Gaigalat (61), Projektleiter des LVR-Industriemuseums, bei Führungen einen Schlenker hierhin macht, muss er für einen Schnelldurchgang durch eine einzelne Etage eine halbe Stunde mehr einplanen. Die Augen gehen über, die Fragen prasseln auf ihn ein.

Es hat sich sehr viel getan in der Materialität der Dinge

Den Hauptanziehungspunkt dürfte momentan aber die dritte Funktion liefern, die Sonderschau „nützlich & schön“ im Erdgeschoss. Sie widmet sich dem deutschen Produktdesign der 20er- und 30er-Jahre.

Das Jahr 1919, nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg, stellt eine Zäsur in der deutschen Geschichte dar, nicht nur durch das Ende der Kaiserzeit. „In dieser Zeit hat sich sehr viel getan in der Materialität der Dinge“, erklärt Michael Gaigalat. Denn während man zwar das typische, funktionale Design dieser Zeit vor Augen hat, fanden tiefgreifendere Veränderungen statt: „Der Clou ist, dass wir nicht nur die Form in den Blick nehmen, sondern auch das Material mitgedacht haben.“ Beispiel: Nirosta, der von Krupp entwickelte NIcht ROstende EdelSTAhl. „Den gab’s seit 1912, er wird aber erst in den 20er-Jahren bekannt.“ Aus der großen Ära von Krupp findet sich eine riesige Edelstahl-Tür.

Aluminium wurde einfach „eingedeutscht“

Außerdem wird der Siegeszug des Aluminiums als „Metall der Moderne“ skizziert, das verwendet wird als Skelett von Luftschiffen, als Motorblock im Opel Laubfrosch, als Feldgeschirr und für Gasmasken.

Es geht auch um Kunststoffe, etwa ums Siemens-Design-Telefon „W48“ oder die „Siemens Schatulle“, ein elegantes Radio, auch als „Herr im Frack“ bekannt. Ein anderes Radio trägt den Namen „Goebbelsschnauze“. Man darf nie vergessen: Es war ja Nazi-Zeit. Und die taten viel, um Materialien „einzudeutschen“. So wurde geworben mit „Aluminium – das deutsche Metall“ oder „Bakelite – der deutsche Kunststoff“.

Ein Ofen von Walter Gropius

Immer wieder berührt wird das Bauhaus-Design, etwa ein von Walter Gropius entworfener „Dauerbrandofen“, ein Zufallsprodukt, weil Gropius in die Familie des Produzenten eingeheiratet hatte. Gaigalat geht es aber mehr um das „sehr normale Alltagsdesign.“

Wer nach einem Anlass sucht, den Peter-Behrens-Bau zu besuchen: Er ist am 29. Juni auch Schauplatz der „Extraschicht“.

>>>Das liebste Ausstellungsstück: der Opel Laubfrosch

„Ich bin zwar ein Autoliebhaber, aber das ist gar nicht so sehr der Grund, warum der Opel Laubfrosch mein liebstes Ausstellungsstück ist“, sagt Michael Gaigalat.

Denn eigentlich ist der Opel 4 PS ein eher unscheinbares Gefährt seines Jahrgangs 1928. Es ist vielmehr eine technische Besonderheit, die den Rüsselsheimer Kleinwagen beinahe zu einem Unikat macht: Hier wurde erstmals ein aus Aluminiumguss ­gefertigter Motorblock verbaut, eine wahre Neuerung im Fahrzeugbau, die sich aus Kostengründen nicht durchsetzte – trotz der Gewichtsersparnis. Übrigens: Der Opel „4 PS“ wurde gar nicht von einem 4-PS-Motor angetrieben, der Motor leistete immerhin 16 PS. Die „4“ bezeichnete die hubraumbezogene Kraftfahrzeugsteuer-PS.

Damit brachte es der Laubfrosch auf immerhin 70 km/h, beim späteren 18 PS-Modell sogar auf Tempo 80. Allenfalls ein relativer Renner mit Blick auf den Verkauf: Gut 20.000 Stück wurden vom 4.500 Reichsmark teuren Gefährt hergestellt, jede Karosse so teuer wie damals ein Eigenheim.

>>> Infos zur Ausstellung: Wo & wann!

„nützlich & schön“, Peter-Behrens-Bau, Essener Str. 80, Oberhausen. di-fr. 10-17 Uhr, sa.-so. 11-18 Uhr. Führungen: 02234/9921555, nuetzlichundschoen.lvr.de

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