Nur nicht aufgeben!

Wie ich einen 100-Kilometer-Lauf überlebe. Und warum...

Durchhalten lautet die Devise im Leben - nicht nur, aber auch für Langstreckenläufer.

Durchhalten lautet die Devise im Leben - nicht nur, aber auch für Langstreckenläufer.

Foto: istock

Duisburg/Biel.   Beim 100-Kilometer-Lauf fließen bei unserem Redakteur Holger Dumke (45) erst die Schweißperlen – aber nach vielen Stunden auch Tränen des Glücks.

Halbmarathon macht Spaß, Marathon ist toll, 100 Kilometer aber – das ist großes emotionales Kino: Freude, Kampf, Verzweiflung, schieres Glück, Kameradschaft... Alles dabei. Bei den 100 Kilometern von Biel in der Schweiz erlebe ich das in einer Nacht, die nicht umsonst „die Nacht der Nächte“ genannt wird. Ein gutes Dutzend Mal habe ich den Lauf schon hinter mich gebracht. Klar, zwischendurch ist es hart. Aufgeben, raus gehen? Verführerisch. Aber keine Option: Im Ziel wartet eine Riesenportion Glück.

In Biel ist entscheidend, dass man gut durch die Nacht kommt. Abends um zehn geht es los, ein fast rauschhafter Start. Die ganze Stadt ist auf den Beinen. Kinderhände recken sich entgegen, wollen abgeklatscht werden. Aber irgendwann sind die Stadt und ihre Vororte vorbei, es geht raus in die Landschaft. Und wenn dann der Motor läuft, ein Schritt auf den anderen folgt und immer noch einer, wenn es nur noch die Unterhaltungen der Mitläufer gibt und das Getrappel, dann ist alles gut.

Immer langsamer...

Biel ist aber immer im Juni, Sommer also. Oft ist der Tag vor der „Nacht der Nächte“ heiß, drückend. 25 Grad noch kurz, bevor es losgeht. Und ich scheine auf dem Weg zum Start alles ausgeschwitzt zu haben, was ich für den Stoffwechsel doch so bitter nötig gebraucht hätte.

Das war es dann mit der Euphorie. Nach 20, 25 Kilometern stellt sich ein Gefühl wie im Duracell-Werbespot ein – nur dass ich selbst mit der herkömmlichen Batterie unterwegs bin. Die anderen ziehen vorbei, die eigenen Kilometer-Zeiten ziehen sich immer mehr. Hatte ich den Kilometer eben nicht noch in 5:47 Minuten geschafft? Und dann plötzlich 6:13 und den nächsten in 6:22 Minuten? Wo soll das hinführen? Immer langsamer...

Blöd, dass jetzt noch knapp 70 Kilometer vor einem liegen. Blöd? Ach, was: Richtig scheiße ist das! Jetzt hilft nur: sofort Tempo raus, langsam wieder aufbauen, ganz langsam. Lange Gehpausen werden sich mit kürzeren, von Trippelschritten eingeleiteten Laufphasen abwechseln – viel Trinken an den Verpflegungsständen, etwas Schokolade. Das alles kostet Zeit.

So kommt man eben nicht gut durch die Nacht.

Wer nicht bis zur frühen Morgensonne das Dörfchen Bibern (etwa Kilometer 76) passiert und den Hügel dort erklimmt, der wird der Mittagshitze des folgenden Tages nicht entkommen. Auf dem letzten Viertel des Bieler Laufes geht es Kilometer um Kilometer am Fluss Aare entlang, die Sonne brennt. Noch mehr Zeit verrinnt. Laufen ist dann ein großes Wort, besser: spazieren. Oder: tapsen.

Aber, das geht vorbei. Jeder Schritt bringt das Ziel näher. Und tatsächlich kommt die Kraft auch wieder zurück, und das fühlt sich wunderbar an. Ein paar Kilometer vorm Finish am Kongresszentrum in Biel versuche ich es dann wieder – laufen, langsam zwar, ganz kleine Schritte, aber es geht, es geht. Es geht!

Und wenn das Ziel da ist, eben nicht nach 12 oder 13 Stunden, wie wenn es gut gelaufen wäre. Wenn stattdessen satte 15 Stunden rum sind und die Zuschauerreihen sich schon gelichtet haben, dann ist das Glück umso größer. Es flutet regelrecht den Körper, Tränen fließen. Geschafft, trotz allem. Darum halte ich durch.

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