Selbsttest

Wie sich die Kindheit auf der Kirmes wiederentdecken lässt

Volontärin Tatjana Tempel hat sich bei Zuckerwatte und Karussellfahrten auf der Sterkrader Fronleichnamskirmes auf eine Reise in die Kindheit begeben.

Volontärin Tatjana Tempel hat sich bei Zuckerwatte und Karussellfahrten auf der Sterkrader Fronleichnamskirmes auf eine Reise in die Kindheit begeben.

Foto: Lars Heidrich

Oberhausen.   Die Welt mit staunenden Augen betrachten – wie damals, als man klein war. Kann man dieses Gefühl noch mal heraufbeschwören? Ein Selbstversuch.

Der Metallbügel schließt sich langsam um meine Hüfte, ein kurzer Ruck und dann geht es los: Der kleine viereckige Wagen fährt mich auf einer eisernen Schiene langsam in Richtung Himmel. Mein Herz pocht nun etwas schneller, meine Hände sind leicht feucht – und das nicht nur wegen der Sonne, die an diesem Nachmittag gnadenlos auf meinen Kopf knallt: Ich sitze das erste Mal seit Jahren wieder in einer Achterbahn. „Spinning Coaster 2000“ heißt das Gefährt, das ich mir für mein Achterbahn-Comeback auf der Fronleichnamkirmes in Oberhausen-Sterkrade ausgesucht habe.

Dass ich jetzt doch etwas Muffensausen habe, hätte ich nicht erwartet. Schließlich habe ich als Kind Achterbahnen geliebt: Kaum eine, die mir zu hoch oder zu schnell gewesen wäre. „Das mit der Angst ist doch merkwürdig“, denke ich. Was mir in jungen Jahren Freude bereitet hat, lässt mich heute kurz vorher zusammenzucken. „Wie soll mich dieser Gurt bloß im Sitz halten? Wie hoch sind meine Überlebenschancen, falls ich aus dem Wagen fliege?“, schießt es mir durch den Kopf. Aber so ist das wohl mit dem Älterwerden: Man macht sich häufig zu viele Gedanken, anstatt wie früher einfach den Moment zu genießen.

Aufregung vor der Achterbahnfahrt

Ich versuche also das unbeschwerte Gefühl der Kindheit heraufzubeschwören, doch es will mir noch nicht richtig gelingen – und erinnere mich etwas wehmütig an die Mischung aus Begeisterung und Aufregung, die mich damals immer schon am Eingang meines Lieblingsfreizeitparks „Movie Park“ in Bottrop gepackt hat.

Aber auch an die Enttäuschung, die kurz darauf folgte, wenn mich ein Hinweisschild am Eingang einer Attraktion mal wieder vom Fahrspaß abhielt. Denn für die mit besonders vielen Schrauben, Drehungen und Loopings musste man 1,30 Meter groß sein. Die Frustration erreichte im Alter von elf Jahren und mit einer Körpergröße von 1,28 Meter schließlich ihren Höhepunkt. Ein Jahr musste ich mich noch gedulden, bis ich meinen Freunden nicht mehr nur von unten zuwinken musste.

Ich darf endlich alles ausprobieren

Heute mit 29 Jahren würde ich mich zwar immer noch nicht als besonders groß bezeichnen, darf aber zumindest auf jedes Fahrgeschäft. Was damals ein Privileg war, ist heute eine Selbstverständlichkeit.

Die Bahn ist jetzt oben angekommen. Aus knapp 16 Meter Höhe sieht das bunte Treiben ganz idyllisch aus, der Lärm von unten ist kaum noch zu hören. Mein Puls fängt gerade an, sich bei dem Ausblick wieder zu beruhigen, als der Wagen abrupt in die Tiefe gerissen wird. Die Schwerkraft zieht mich zu Boden. Es fühlt sich an, als wäre mein Magen in den Hals gerutscht. Ich kann nicht anders und schreie aus vollem Hals los.

Ich habe die Kontrolle über meinen Körper abgegeben

Ich versuche, mich an dem Griff vorne festzuklammern, aber keine Chance: Ich habe die Kontrolle über meinen Körper abgegeben. Er wird gnadenlos nach links, rechts, vor und zurück gewirbelt. Der Wagen fängt nun an, sich um die eigene Achse zu drehen. Meine Haare fliegen um mein Gesicht, ich schließe die Augen. „Hoffentlich ist es gleich vorbei“, denke ich panisch.

Mit 60 km/h rast die Bahn um eine Rechtskurve, dann geht es links wieder hoch und um die nächste Kurve – ich mache die Augen wieder auf und denke an nichts mehr. Es fängt langsam an, Spaß zu machen. Inzwischen kommen zu meinem Angstschrei auch noch ein paar Freudentöne. Nach gefühlt einer Minute ist aber der neu entdeckte Spaß vorbei. Mit leicht wackeligen Beinen und trotzdem glücklich steige ich aus dem Wagen.

Schwindelgefühl nach dem Kettenkarussell

Nun bin ich wie angefixt. Das Adrenalin, das gerade durch meine Adern geflossen ist, hat meine Zweifel weggewischt. Ich will weiter fahren: Es geht zum „Voodoo Jumper“, „Octopussy“ und Autoscooter – das Fahrgeschäft, das natürlich auf keinem Rummel fehlen darf. Es ist als wäre die Zeit stehen geblieben: Wie vor zehn Jahren, als ich das letzte Mal auf dem Rummel war, versammelt sich hier am Rand bevorzugt die „Dorfjugend“, um sich ungestört von neugierigen Elternaugen zu treffen.

Auf der Fahrbahn fahren die kleinen Autos gegeneinander. Ich werde vor- und zurückgeschleudert. „Morgen habe ich blaue Flecken“, denke ich. Doch um mich herum lachen die Leute ausgelassen. Es wirkt, als gäbe es für sie keinen größeren Spaß auf der Welt, als sich gegenseitig die Fahrwege abzuschneiden. In der Mitte bildet sich daher ein riesiger Knubbel, es gibt kein Vor und Zurück mehr.

Kribbeln in der Magengrube

Ich gehe weiter und lasse die Jugendlichen mit ihren gegenseitigen Annäherungsversuchen alleine. Beim Kettenkarussell bleibe ich stehen. Schließlich ist es die Attraktion, auf der ich in jungen Jahren das erste Mal das aufregende Kribbeln in der Magengrube spüren durfte. Sie ist für mich die Konstante, in der sich unaufhörlich weiterentwickelnden Welt der Fahrgeschäfte.

Ob man hier als Erwachsene überhaupt noch mitfahren kann? Der Mann im Kassenhäuschen nickt und so sitze ich wenige Minuten später zwischen Kindern und Jugendlichen und auch einigen Erwachsenen und warte, dass es losgeht. „So Mädels, hier vorne nicht in den Sitzen schaukeln, sonst schneide ich euch die Haare ab“, tönt es in gewohnt schnoddriger Kirmesmanier durch die Lautsprecher. Die beiden angesprochenen Mädchen fangen an zu kichern. „Kleiner Scherz. Nun geht es aber endlich los: Ready, steady, goooo – wir starten.“

Nur Fliegen ist schöner

Und schon wird mein eisernerer Stuhl in die Höhe gezogen, das Karussell breitet seine Arme aus, wir ziehen in der Höhe wie Vögel unsere Kreise. „Nur Fliegen ist schöner“, denke ich und strecke beide Arme aus. Als ich wieder festen Boden unter den Füßen habe, trifft mich dann doch die Ernüchterung. Die Euphorie ist plötzlich verflogen, mir ist leicht schwindelig. Fahrgeschäfte, die sich im Kreis drehen, vertrage ich heutzutage anscheinend nicht mehr so gut. Trotzdem muss ich schmunzeln: Ich hätte am Anfang nicht darauf gewettet, dass mir die scheinbar harmloseste Attraktion auf der Kirmes am meisten zu schaffen macht.

Ich beschließe, dass mir der Fahrspaß für heute reicht und steuere eine der unzähligen Fressbuden an. Schon von weitem sehe ich die Lebkuchenherzen von der Decke baumeln: „Du bist mein wilder Tiger“ oder „Du bist mein Glück“ ist mit weißer Schönschrift fein säuberlich darauf geschrieben. Ich erinnere mich an meinen ersten Freund, der mir mit fünfzehn auf einer Kirmes auch eins schenkte. In dem Alter gab es wohl kaum eine größere Liebesbekundung.

Mit einer pinkfarbenen Zuckerwatte in der Hand schlendere ich anschließend an Ständen mit Entenangeln und Schießbuden vorbei. Familien stehen versunken im Spielfieber davor, ein Kind bettelt vor einem Losverkäufer: „Komm schon Papa, nur noch eine Runde“. Ich kann es verstehen: Früher hätte ich sicher auch den großen Teddy haben wollen, der als Hauptpreis in einem Regal angepriesen wird. Mein ganzes Taschengeld wäre für die Lose draufgegangen. Ein Glück für meinen Geldbeutel, dass ich jetzt bei Plüschtieren nicht mehr schwach werde.

Wie eine Reise in die Vergangenheit

Obwohl es erst 17 Uhr ist, blinkt und leuchtet es von überall in allen erdenklichen Farben. „Lonely“ von Britney Spears schallt es von links, während rechts die Backstreetboys mit „Everybody“ aus den Lautsprechern erklingen. Es riecht nach gebrannten Mandeln und Popcorn. Der Rummel scheint mir wie eine Reise in die Vergangenheit, es hat sich kaum etwas verändert. Ich fühle mich, als hätte jemand die Stimmung von vor zwanzig Jahren in einem Marmeladenglas eingefangen und nun wieder rausgelassen.

Doch die leicht trashige Rummelatmosphäre, die mein Kinderherz damals höher schlagen ließ, weil es Abenteuer und ein erstes Eintauchen in die Erwachsenenwelt bedeutete, hat heute ihren Zauber etwas eingebüßt. Es ist mir etwas zu laut, zu voll und selbst die Zuckerwatte schmeckt zu süß. Doch ich kann verstehen, warum so viele Menschen immer wieder das Kirmesvergnügen suchen: Auf der Achterbahn lassen die Adrenalinschübe einen kurz den Alltag vergessen, die ausgelassene Stimmung wirkt ansteckend. Ich werde also sicher noch mal auf die Kirmes gehen und sei es nur, um für zwei Stunden mal wieder Kind zu sein – dann aber ohne Kettenkarussell und Zuckerwatte.

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