Anekdoten aus dem wahren Leben

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Vielleicht lenkt ihre multimediale Umtriebigkeit ab. Berühmt und populär ist sie ja schon so lange. Oder es liegt an der Gattung: meist Erzählungen und Kurzgeschichten statt Romane. An Wertschätzung durch das Publikum hat es nie gefehlt. Und doch wurde Elke Heidenreich als Literatin nicht die große Anerkennung zuteil, die sie verdient hätte. Heute, mit 73, wird sie darüber wohl lachen. Oder auch nicht. Sie kann sehr empfindlich und verletzbar sein. Das erfährt der Leser ihres neuen Buches „Alles kein Zufall“.

„Kurze Geschichten“ steht unter dem Titel. Das ist eine Untertreibung. Es sind Kürzest-Geschichten, insgesamt 189, manche nur zwei Sätze lang. Und sind es überhaupt Geschichten? Anekdoten eher, Erinnerungen, Splitter, Erlebnisse und Gedanken dazu. Wie Tagebuchnotizen. Nur nicht chronologisch, dafür alphabetisch nach Stichworten geordnet. Aber das ist eigentlich auch egal.

Das Gefühl des Authentischen

Man könnte nun bemängeln, die Autorin habe es sich diesmal aber sehr einfach gemacht und lediglich eine Materialsammlung vor dem Leser ausgebreitet, statt den Rohstoff literarisch zu gestalten. Der Gedanke kommt tatsächlich manchmal auf, wenn eine Geschichte etwas banal und pointenlos wirkt. Aber genau das ist wichtig für den Gesamteindruck: dass hier nicht gefeilt und gearbeitet wurde, bis alles passte, sondern dass alles echt und authentisch und wahr ist. Ganz so wird es wohl nicht sein, doch die Mischung erzeugt genau das Gefühl.

Deshalb hat man den Eindruck, Elke Heidenreich besonders nahe zu sein. Wenn sie von ihrer schwierigen Kindheit erzählt. Wenn ihr beim Königinnentag in Holland wieder einfällt, dass sie früher nie eine Laterne für den Martinszug hatte, wie ihr dann die Tränen kommen und ein kleines Mädchen sie genau versteht und tröstet. Oder noch ein Beispiel mit einem Kind: Die Freundin einer Freundin lässt ihr Baby bei der Autorin im Hotel. Die beiden liegen auf dem Bett. Das Kind schaut sie an, greift mit der Hand ihren Finger und schläft ein. Die folgenden Stunden gehörten zu den glücklichsten ihres Lebens, schreibt sie.

Aber Elke Heidenreich kann auch wunderbar schimpfen. Über den Müll, den die Leute bewusstlos daherreden. Über sture, unfreundliche, selbstverliebte Idioten. Oder dieses hässliche Paar im Foyer: Was machen solche Leute überhaupt im Theater? Dann drehen die beiden sich um, schauen die Autorin und ihren Freund an und in ihren Augen ist zu lesen, dass sie über die beiden genau das Gleiche denken.

Es ist öfter komisch als traurig, aber sehr häufig auch beides. Heidenreich weiß nicht, ob sie zur Beerdigung eines Bekannten gehen soll. Sie ist selbst sehr krank. Sie zögert. Ein Freund rät zu. Sie solle sich einfach an den Rand stellen. Es heiße ja immer, der Tote werde „aus unserer Mitte gerissen“, die Ränder seien sicher.

Hunde, Katzen und Liebe

Es geht um Hunde und Katzen und um die Liebe. Es geht um Bücher und um Kneipennächte und um Zigaretten. Früher stand ein Gedicht auf der Packung, heute ein Warnhinweis: Ist das Verschwinden der Gedichte nicht viel gefährlicher? Es geht um alles, was das Leben ausmacht, um die kleinen Dinge und um die großen, und bisweilen stellt sich heraus, dass sie identisch sind. Manchmal stellt sich auch gar nichts heraus. Aber dann kommt schon die nächste Geschichte.

Ob Elke Heidenreich nun wirklich nur ihren Zettelkasten geplündert hat oder höchst raffiniert nur die Illusion des Rohen, Unbearbeiteten erzeugt - die Wirkung ist jedenfalls da. Insbesondere, wenn sie die Miniaturen selbst vorliest. Vielleicht ist das ihre Form der Autobiografie - prägnant im Detail und ohne den Größenwahn im Gesamtkonzept.


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