Ende des Schwerspat-Bergbaus

Das Goldgräber-Gefühl bleibt

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In zwei Jahren wird der Schwerspat-Bergbau in Medebacher-Dreislar ein Ende haben. Obersteiger Burkhard Linn denkt mit Wehmut daran und erzählt von Kameradschaft, Gefahren und dem Reiz, unter Tage zu arbeiten.

Der Aufenthaltsraum versprüht den Charme der 70er Jahre. Tapeten und Fußbodenbeläge erinnern an längst vergangene Zeiten. Fast schon ironisch anmutend angesichts des nahenden Endes des Bergbaus im Medebacher Ortsteil Dreislar liegen verstaubte Bücher mitten auf dem Tisch. Titel: „Der ewige Bergmann”. Daneben sitzt Obersteiger Burkhard Linn.

Die Fahrt in die Grube, in der seit 1957 über 50 Jahre ununterbrochen Schwerspat abgebaut wird, entwickelt sich für den 57-jährigen Bergmann auch zu einer emotionalen Reise in die Vergangenheit. Seit 1974 fährt Linn jeden Tag in die Grube, in zwei Jahren wird für ihn Schluss sein. Die Grube der Firma Sachtleben Bergbau GmbH ist ausgebeutet und wird geschlossen, der Obersteiger geht in den Ruhestand - „mit viel Wehmut”.

Viele Stollen bereits verfüllt

Mit Gummistiefeln, weißem Overall, Helm und Grubenlampe „bewaffnet” geht's in den dunklen Schlund der Grube, die für Burkhard Linn eine zweite Heimat geworden ist. „Schwerspat oder Baryt wird unter anderem in Farben sowie beim Strahlenschutz zum Beispiel in Krankenhäusern verwendet”, erklärt der Vater von drei Kindern begeistert, während er mit traumwandlerischer Sicherheit durch die tiefschwarzen Stollen immer tiefer kurvt. Rechts und links beleuchten die Scheinwerfer immer wieder kleinere Stollen, die bereits wieder verfüllt sind. „Damit sorgen wir dafür, dass es künftig keine Erdlöcher wie in Bochum oder Siegen gibt”, sagt Burkhard Linn nachdenklich, schließlich ist jeder verfüllte Stollen ein weiteres Mosaiksteinchen auf dem Weg zur letzten Schicht.

Schicht ist auch 150 Meter unter der Erdoberfläche. In tiefem Matsch stehend deutet Burkhard Linn, dessen Vater und Großvater schon Bergmänner waren, auf die letzten weiß schimmernden Schwerspat-Reste an der Decke. Früher war die tiefste Stelle 450 Meter unter Straßenniveau. Zwei Drittel der Grube sind bereits verfüllt. „Bis zu 70 Mitarbeiter waren hier in Hochzeiten beschäftigt, heute sind es noch 12 für die Abwicklung bis zum Jahr 2010.” Über vier Millionen Tonnen Roherz sind in den jetzt 51 Jahren abgebaut worden. Daraus entstanden rund 2,5 Mio Tonnen verkaufsfertiges Produkt.

Burkhard Linn bleibt in seiner Heimat

Viele der Kameraden müssen woanders noch einmal neu anfangen, Burkhard Linn hat in Dreislar seine Heimat gefunden und wird bleiben. 1974 in den idyllischen Ort gezogen, lernte er dort seine Frau kennen, baute ein Haus und wurde Vater von drei Kindern. „Die haben mit Bergbau aber nichts zu tun. Die Tochter studiert, ein Sohn ist Werkzeugmacher, der zweite ist Gymnasiast.” Den Einstieg in den Bergbau habe er seinen Kindern angesichts der weniger guten Zukunftsperspektiven nicht geraten.

Damals, vor 43 Jahren, als er zum ersten Mal zur Zeche ging, da intervenierte vor allem seine Mutter. „Die hatte Angst um mich”, sagt er leise. Nicht umsonst, schließlich ist die Arbeit unter Tage gefährlich. Zwei tödliche Unfälle musste Burkhard Linn in den Jahren 1983 und 1986 miterleben. Man merkt, auch heute noch fällt es ihm schwer, darüber zu reden. „Es ist uns allen bewusst, dass es gefährlich ist, doch wer den Beruf einmal gewählt hat, der bleibt dabei.” Der Reiz der „Unterwelt” ist einfach zu stark. „Die Kameradschaft und Verlässlichkeit sowie das selbstständige Arbeiten unter Tage - das macht den Bergbau aus.”

Das Goldgräber-Gefühl hat den Fußball-Fan auch nach 43 Jahren nicht verlassen. Auf dem Weg nach oben biegt Burkhard Linn kurz in einen Seitenstollen ab und zeigt auf eine große Schwerspat-Fläche: „Dort bohre ich zurzeit vor, vielleicht entwickelt sich daraus ja ein neues Abbau-Gebiet.” Da ist es also wieder, das kleine Fünkchen Hoffnung, dass die Grube in Dreislar vielleicht doch noch eine Zukunft hat. „Hinter der Hacke ist es düster”, sagen wir Bergleute. Jeder Abschlag birgt eine Überraschung. Vielleicht auch in Dreislar.

Der Bergbau wird den Ort Dreislar aber auch nach der letzten Schicht prägen. Nur wenige hundert Meter Luftlinie entfernt, in der alten Schule, entsteht zurzeit ein mit viel Herzblut gestaltetes Schwerspat-Museum mit eigenem Stollen. Am 8. August wird Eröffnung gefeiert. Geplant ist, auch einen Original-Stollen in der Grube für Besucher zu öffnen. Für Burkhard Linn wäre das Ende dann auch ein neuer Anfang als Gruben-Experte für die Touristen. Und für das Buch „Der ewige Bergmann” findet sich im Museum sicher auch noch ein Ehrenplatz.

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