Bischofskonferenz in Paderborn

Der Bußgang der deutschen Bischöfe

Erzbischof  Robert Zollitsch, der Vorsitzende der Bischofskonferenz..

Erzbischof Robert Zollitsch, der Vorsitzende der Bischofskonferenz..

Foto: dapd

Paderborn.  Mit einem Bussgang haben die deutschen Bischöfe in Paderborn ihre Frühjahrs-Vollversammlung begonnen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Marlies Weinhold ist aus Bad Driburg nach Paderborn gekommen. Jetzt steht sie gemeinsam mit einer Handvoll weiterer Missbrauchsopfer im schwarzen T-Shirt mit der orangenen Aufschrift „Heimkinder klagen an“ auf der anderen Straßenseite des Tagungshotels der Bischofskonferenz.

„Ich glaube der Kirche ihre Entschuldigungsbeteuerungen nicht“, ruft die 68-Jährige wütend direkt in den Straßenverkehr hinein. 19 Jahre lang hat Marlies Weinhold als Kind und Jugendliche in Heimen verbringen müssen; die meiste Zeit davon im „Marienfrieden“ in Neheim-Hüsten. „Wir haben dort gehungert und sind sehr, sehr viel geschlagen worden“, klagt sie heute bitter an: „Wer im Gottesdienst gehustet hat, wurde anschließend mit Essensentzug bestraft.“

Die damalige Heimleiterin ist Jahre später gerichtlich von diversen Beschuldigungen freigesprochen worden; Marlies Weinhold macht das nur umso unglücklicher und angriffsbereiter: „Alle sollen erfahren, wie wir damals behandelt worden sind!“

Mahnwachen

Derweil formieren sich am Paderborner Dom noch weitere Mahnwachen. Verschiedene katholische Reformgruppen fordern von der Bischofskonferenz endlich die versprochene Dialogbereitschaft mit der Basis. Christian Weisner vom Bundesteam „Wir sind Kirche“ spricht Klartext: „Die Bischofskonferenz hat bei ihrem letzten Herbsttreffen eine Dialoginitiative angekündigt, aber bislang ist praktisch nichts passiert. Wir wissen, dass die deutschen Bischöfe von Rom praktisch zur Handlungsunfähigkeit verdammt sind, dass sie quasi sprachlos sind und sich selbst im Weg stehen. Aber wir wissen auch, dass die Bereitschaft zum Dialog, zur direkten Mitsprache, ohne Alternative ist, will die Kirche nicht gänzlich ihre Glaubwürdigkeit verlieren. In den letzten 21 Jahren hat die katholische Kirche in Deutschland 2,8 Millionen Mitglieder allein durch Abkehr verloren, und noch immer findet ein permanenter Auszug statt.“

Dr. Magdalene Bussmann, ebenfalls Reformgruppen-Mitglied, bemüht sogar Karl Marx in ihrem Unmut: „Was wir hier tun, das ist sozusagen der letzte Schrei der geknechteten Kreatur. Ansonsten wird nämlich nicht weniger als die Sache des Evangeliums mit all seiner Hoffnung und Zuversicht gänzlich verspielt.“

Natürlich überrascht es nicht, dass sich zwischen die Mahnwachen der Kirchenkritiker am Marktplatz vor dem Dom auch die Atomgegner aus gegebenem Anlass gemischt haben. Sie suchen den politischen Schulterschluss zur Bewahrung der Schöpfung, wollen die Bischofskonferenz zu Stellungnahmen gegen Atomkraftwerke bewegen.

Erzbischof Hans-Josef Becker, sozusagen der Hausherr der Frühjahrsvollversammlung seiner insgesamt 68 Mitbrüder im Amt, sorgt sich entsprechend um den harmonischen Ablauf der viertägigen Konferenz und bittet darum, „einen geschärften Blick auf die Mitte des Glaubens zu werfen, um den Dialog in unserer Kirche wirklich mit Tiefgang“ versehen zu können.

Aber auch Becker muss konstatieren: „Viele leiden am öffentlichen Ansehensverlust der Kirche vor dem Hintergrund der beschämenden Missbrauchsfälle durch Priester und Ordensleute. Die Zunahme der Kirchenaustritte und der spürbare Rückgang der Gottesdienstbesucherzahlen sind eindeutige Zeichen dafür.“ Ja, es fehle tatsächlich eine Diskussionskultur, meint auch der Paderborner Erzbischof selbstkritisch, um aber gleich hinzuzufügen: „Es kommt in erster Linie auf die Ausstrahlung von gläubigen Frauen und Männern in allen Lebensbereichen an, weniger auf perfekte Organisation oder optimalen Service.“

Forderung nach Dialog

Mehr als 60 000 Unterschriften haben die Reformgruppen gesammelt, um der katholischen Kirchenleitung in Deutschland noch einmal die Dialogbereitschaft als das Gebot der christlichen Stunde in diesem Land vor Augen zu führen. „Allerdings“, so hat der Bischofskonferenz-Vorsitzende Robert Zollitsch unmissverständlich erklärt, „sieht der Ablauf der Vollversammlung nicht vor, das Gespräch mit den Initiativen zu suchen.“ Auch die Annahme von Unterschriftenlisten wurde in diesem Sinne von den Bischöfen verweigert.

Gleichwohl wird Erzbischof Zollitsch auch in Paderborn nicht müde zu beteuern, dass „nur durch Umkehr und Dialog die Kirche neues Vertrauen gewinnen kann“.

Ein solches weithin sichtbares Zeichen der schuldbewussten Umkehr, vornehmlich vor dem Hintergrund der Missbrauchsfälle innerhalb der katholischen Kirche, bildete denn auch der demonstrative Bußakt der Bischöfe im Rahmen des Konferenz-Eröffnungsgottesdienstes im Paderborner Dom gestern Abend. Das „Mea Culpa“ als Symbol, dass die Kirche als Institution in so zahlreichen Fällen versagt hat und nicht zuletzt deshalb auch in die schwerste Krise der jüngeren Geschichte hineingeraten ist.

Erzbischof Robert Zollitsch verzichtete auf die Insignien von Mitra und Stab, trug ein Holzkreuz und führte damit den schweigenden Einzug der Bischöfe in den Dom an. Alsdann knieten sich alle nieder und sprachen ein Bußgebet, in dem es u.a. hieß: „Wir empfinden tiefe Scham. Allzu oft haben die Verantwortlichen weggeschaut.“ Seine Predigt stellte Erzbischof Zollitsch unter das Motto „Ohne Erbarmen keine Zukunft!“ Zwar ging Zollitsch hier nicht explizit auf die jüngsten Ereignisse in Japan ein, bezüglich der Missbrauchsdebatte aber formulierte er: „Wir selbst haben in diesen Monaten ein neues Gespür dafür entwickelt, dass alles auf die Barmherzigkeit ankommt. Er gehört zur Realität der Kirche: der Missbrauch junger Menschen im sexuellen Bereich. Es ist uns nur zu klar zu Bewusstsein gekommen, dass diese Schuld niemals ungeschehen gemacht und auch nicht entschädigt werden kann. Es sind nur Zeichen der Reue und die Bitte um Verzeihen möglich. Das Entscheidende ist das Erbarmen mit dem Schuldigen und das Verzeihen.“

Die Bischofsversammlung wird nun in den folgenden drei Tagen über den Stand der Ökumene in Deutschland (Zollitsch: „Wir haben keineswegs eine Eiszeit, sondern vielmehr ein Reflexionszeit“) und über mögliche Formen einer künftigen Dialogbereitschaft innerhalb der katholischen Kirche beraten. Zudem soll ein gemeinsames Wort zur Präimplantationsdiagnostik formuliert werden.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (3) Kommentar schreiben