Medizin

Die tausend Leben des Paul Müller

| Lesedauer: 5 Minuten
Paul Müller ist ein Patient der besonderen Art, ein Patientensimulator. An dem mannsgroßen Hightech-Dummy mit dem Allerweltsnamen, der aussieht wie eine ferngesteuerte Schaufensterpuppe, trainieren Ärzte den medizinischen Notfall. Foto: Toni Nitsche

Paul Müller ist ein Patient der besonderen Art, ein Patientensimulator. An dem mannsgroßen Hightech-Dummy mit dem Allerweltsnamen, der aussieht wie eine ferngesteuerte Schaufensterpuppe, trainieren Ärzte den medizinischen Notfall. Foto: Toni Nitsche

Foto: WP

Arnsberg. Dafür, dass Paul Müller schon dutzende Herzinfarkte hatte, sieht er recht stabil aus. Breiter Brustkorb, muskulöse Oberarme, straffe Gesichtshaut. Aber Müller wird ja auch regelmäßig ausgebessert. Je nach Verschleiß hier eine neue Vene, da eine Zahnleiste, ab und zu ein Software-Update.

Paul Müller ist ein Patient der besonderen Art, ein Patientensimulator. An dem mannsgroßen Hightech-Dummy mit dem Allerweltsnamen, der aussieht wie eine ferngesteuerte Schaufensterpuppe, trainieren Ärzte den medizinischen Notfall. Angehende Intensiv- und Notfallmediziner spielen in Fortbildungskursen bei der Arbeitsgemeinschaft Intensivmedizin (AIM) in Arnsberg-Neheim verschiedene Rettungsszenarien mit Patient Müller durch. Der Fall bestimmt, ob die Puppe blau anläuft, nach Luft ringt, über Brustschmerzen klagt oder das Bewusstsein verliert.

Im Moment geht es um Leben und Tod: Das mechanische Piepen wird schneller. Die grünen Kurven auf dem Bildschirm schlagen aus. „Los! Jens! Defibrillator!“ ruft San-dra Keuch ihrem Teampartner zu, während sie noch mit der Beatmungsmaske kämpft. Der Stress lässt ihre Stimme höher klingen, schriller. „Fertig? Alle weg vom Tisch!“, befiehlt Partner Jens Kankeleit. Er setzt die Paddles auf zwei Metall-Felder, die an Müllers Plastik-Brust kleben und wie Eishockey-Pucks aussehen. Es müsste jetzt knallen. Gezielte Stromstöße fügt der junge Assistenzarzt der Puppe zu. So wie man es aus Krankenhausserien kennt. Die Schocks sollen das mechanische Herz des Dummys wieder in Takt bringen. Ob es funktioniert, sieht Kursusleiter Markus Rüther auf seinem Laptop, auf den die Daten des Patientensimulators übertragen werden.

Schwerstarbeit

Leben retten ist Schwerstarbeit. Sandra Keuchs Wangen glühen. Das Raumthermometer zeigt 16 Grad. „Man vergisst einfach, dass da kein Mensch vor einem liegt, sondern eine Puppe“, sagt die 29-jährige Assistenzärztin später. Sie arbeitet als Anästhesistin am Evangelischen Krankenhaus Oldenburg. In Arnsberg lässt sie sich in einem neuntägigen Kursus zur Intensivmedizinerin fortbilden. Die Zusatzqualifikation ermöglicht es ihr, künftig auch Patienten auf der Intensivstation zu betreuen. Anspannung ist die Anästhesistin gewöhnt. Trotzdem bringt Müllers Infarkt die Ärztin ins Schwitzen. „Der Stress ist enorm. Jedes Mal“, sagt sie.

Nicht nur die sichersten Techniken, Medikamente und Dosierungen sollen Ärzte wie Sandra Keuch am AIM-Klinikum lernen, sondern auch, miteinander zu reden. „Im Klinikalltag passieren so viele Fehler, allein weil die Kommunikation nicht stimmt“, sagt Dr. Dietmar Wetzchewald, Geschäftsführer und medizinischer Leiter der Arbeitsgemeinschaft Intensivmedizin. Todesursache: Menschliches Versagen. Tausenden Patienten müsste das jedes Jahr auf den Totenschein geschrieben werden, so der Arzt für Innere Medizin. Das Training mit Dummys soll die Zahl vermeidbarer Todesfälle reduzieren. Kameras zeichnen die Übungen auf, später analysiert die Gruppe: Waren die Kommandos missverständlich? Wäre nicht Medikament B sinnvoller gewesen? Und hat eigentlich irgendjemand Herrn Müller erklärt, was da gerade mit ihm passiert?

Neuntägige Fortbildung

Blass, aber ansprechbar sei Patient Müller in den Schockraum gekommen, gibt die Fallgeschichte vor. Dieses Mal ist er 76 Jahre alt. Drei Jahre zuvor hatte er schon einmal einen Herzinfarkt. Jetzt klagt er wieder über Herzschmerzen. „Frau Doktor, Frau Doktor, ich halt’s nicht mehr aus“, lässt Tutor Markus Rüther die Puppe sagen. „10 Milligramm Morphin“, weist Sandra Keuch ihr Team an. „Was sagt das EKG?“ Jens Kankeleit setzt die Kanüle an. „Jetzt wird mir schwindelig“, jammert Herr Müller. Kammerflimmern. Die Puppe hat keinen Puls mehr. Wenn das Team jetzt einen Fehler macht, verliert es den Patienten.

Spritzen, beatmen, wiederbeleben - das lebensrettende Werkeln der Mediziner hinterlässt Spuren am Simulator. Spuren, die ins Geld gehen, denn Paul Müller ist teuer. Mehr als 80 000 Euro blätterte das AIM für die Erstanschaffung hin. Eine einzige Gruppenübung verursacht bis zu 1500 Euro Schaden am Simulator. Dazu kommen 5000 Euro im Jahr für Software-Updates. Allein für die neuntägige Fortbildung zahlen Ärzte daher 500 bis 700 Euro.

Die komplette Rettungskette abbilden

Ein ganzer Flügel des Kaiserhauses im Neheimer Industrieviertel dient dem Simulationstraining. Neben den Schockräumen zu Übungszwecken gibt es hier Seminarbereiche, Krankenwagen und eine Notfallwohnung. Die komplette Rettungskette soll abgebildet werden.

Mehr als 18 000 Notärzte und 10 000 Intensivmediziner hat die AIM seit 1991 ausgebildet. „Jeder dritte Notarzt in Deutschland hat hier seine Berechtigung erlangt“, berichtet der Geschäftsführer. Die Uni-Klinken Münster, Düsseldorf und Köln haben ihre Notarzt-Ausbildung inzwischen nach Arnsberg ausgelagert.

Sandra Keuch streicht Paul Müller über die Gummi-Haare, nachdem sie den Beatmungsschlauch eingeführt hat. Das Herz der Puppe hat sich stabilisiert. Paul Müller hat überlebt. Wieder einmal.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: WP-Info

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben