Kultiviert

Die "Westfälische Reihe"

Foto: Dr. Willer

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Die Kollegin aus Frankfurt will wissen, was man unter einer Westfälischen Reihe zu verstehen hat.

Als gebürtige Rheinländerin und lediglich Wahl-Westfälin bin ich natürlich mit hiesigen Stammessitten nicht seit Generationen vertraut, weiß aber, dass es sich um eine Sitzordnung handelt. Früher wurde sie in Kirchen und heute unter anderem bei Schützenfesten praktiziert: Frauen und Männer strikt getrennt.

Diese Einteilung der Geschlechter war im Gotteshaus allerdings im Rheinland ebenfalls üblich und sollte wohl allzu nahe menschliche Kontakte zwischen Predigt und Wandlung verhindern helfen.

Aber auch was die Geschlechterfront beim Feiern betrifft, steht die Westfälische Reihe sinnbildlich für weltweites, na ja mindestens deutschland- oder nordrheinwestfalenweites Kommunikationsverhalten. Nehmen wir eine ganz normale Party, die von Paaren besucht wird, welche aus der akuten Balz-Phase schon einigermaßen heraus sind. Es dauert bestimmt nicht lange, bis sich Männchen und Weibchen hübsch säuberlich separiert haben.

Die einen sammeln sich, Bierflasche oder Weinglas in der Hand, um den Gastgeber, der am Grill steht und tauschen Fußballneuigkeiten und Weisheiten zum Würstchenbraten aus oder schweigen einfach in geselliger Herrenrunde. Auch die Damen haben sich inzwischen zuverlässig zum Grüppchen gefunden und erläutern von Gesundheitsproblemen über die Organisation der Schul-Cafeteria bis zur Lage der Bildungspolitik das aktuelle Nachrichtengeschehen im Großen und Kleinen.

Diese Einteilung kann einfach nicht sozial gewachsen sein, sondern muss genetische Ursachen haben. Zum Beispiel: Die Sammler und Jäger von einst ruhen sich nun am modernen Feuer von den Anstrengungen des Alltags aus, wo die Beute in Form von marinierten Nackenkoteletts bereit liegt, während die Nachfahrinnen von Wilma Feuerstein wie üblich den Überblick behalten und ihr Wissen durch Informationstransfer vermehren.

Nur im akuten Familiengründungsstadium, wenn das andere Geschlecht wechselseitig noch unwiderstehliche Reize ausübt, also zwischen 16 und 25 Jahren, mischt sich die Westfälische Reihe auf, und es kommt zu Kollaborationen über die Mann-Frau-Grenze hinweg.

Sie glauben das nicht? Dann beobachten Sie doch mal auf der nächsten Party, was Sie machen und was Ihr Mann macht. Oder gehen Sie zum Schützenfest. Da wird übrigens immer zum Weltrekord-Versuch angetreten: Wer schafft die längste Westfälische Reihe an der Theke.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben