Konzert

Dominique Horwitz begeistert im Theater Hagen

Dominique Horwitz in Hagen.

Dominique Horwitz in Hagen.

Foto: Stefan Kühle / Theater Hagen

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Hagen.Nur wer auf der Klippe steht, hat die Chance, den Himmel zu greifen. Der Preis dafür ist der lauernde Absturz. Keiner hat diese Balance besser beschrieben als Frankreichs großer Chansonnier Jacques Brel. Dominique Horwitz kann dessen Texte und Töne mit Leben füllen, so hautnah, dass das Publikum kaum zu atmen wagt. Wie jetzt mit den Hagener Philharmonikern.

Das Theater Hagen ist voll bis unter das Dach, sogar Stehplätze werden eingerichtet, damit niemand, der Dominique Horwitz mit seinem Brel-Abend hören will, nach Hause gehen muss. Die französischsprachige Gemeinde der Region ist vertreten, aber auch alle, von denen Brel schrieb und Horwitz singt: die jungen Liebenden, die alten Liebenden, die Verlassenen, die Eifersüchtigen, die Revolutionäre, die Träumer. Sie kommen wegen Jacques Brel (1929 – 1978), dessen herzergreifende Chansons heute so aktuell sind wie je. Und sie kommen wegen Dominique Horwitz, dem Schauspieler, Regisseur und wunderbaren Sänger, der Brel seit seiner Kindheit verehrt.

Das Programm „Ne me quitte pas“ ist neu. Erst einmal hat Horwitz es in Hannover mit Orchester auf die Bühne gebracht. Hagen ist die zweite Station – und die Hagener Philharmoniker sind das zweite Orchester, mit dem Horwitz arbeitet: „Ich bin absolut überrascht, dass es so schnell und so gut funktioniert. Ich finde das Orchester großartig, erstaunlich, wie schnell wir zueinander finden. Ich bin schwerst begeistert und beeindruckt.“

Horwitz biedert sich nicht beim Publikum an

Horwitz ist kein Sänger, der sich dem Publikum anbiedert. Er weiß genau, was er will, arbeitet voller Konzentration und fordert diese auch von den Zuhörern. Dadurch entsteht eine brennende Intensität, sogar der große Theatersaal wird zu einem intimen Ort, in dem die Schicksale, die in Brels Chansons besungen werden, einem ohne Umweg ins Herz gehen. Horwitz setzt seine Stimme, seine Mimik und seine Körpersprache virtuos ein, um Emotionen darzustellen. Die flehentliche Bitte „Ne me quitte pas“ wird tonlos beschwörend wiederholt, die selbstgerechte Empörung des jungen Spießers in spe über die alten Spießer kommt in „Les bourgeois“ beklemmend aggressiv daher, die Verzweiflung des Mannes, der einmal einen Freund und eine Liebste hatte, ist eine erschütternde Klage.

Dirigent Enrique Ugarte hat die Brel-Chansons phantastisch für Orchester arrangiert, und die Hagener Philharmoniker genießen jeden Takt. Die Musik behält ihr akkordeonsattes Pariser Flair, aber die Instrumentierung ermöglicht es ihr, selbst bildkräftig, zu einer eigenen Erzählebene zu werden. Etwa, wenn in „Bruxelles“ die Pferde im Schlagwerk klappern, wenn der von Ignoranten umzingelte Möchtegern-Bohemien in „Ces gens-là“ von gezupften Streicher-Motiven in die Enge getrieben wird - oder wenn die Geigen sich in „Quand on n’a que l’amour“ zu barocken Melodiebögen aufschwingen.

Horwitz gibt 100 Prozent - die ganze Zeit lang

„Wenn man nichts hat als die Liebe“, dann hält man die ganze Welt in Händen und der Himmel ist nah. Wenn „La Fanette“ mit dem besten Freund weggeht, dann weint der leere Strand im Juli: Ironisch, leidenschaftlich, zärtlich und wütend, Dominique Horwitz ist das alles in diesen Brel-Stücken, von denen jedes eine ganze Welt im Kleinen enthält.

Nur eines ist Horwitz nicht - pathetisch. Und daher braucht er anfangs eine Viertelstunde, um auf die Bühne zu kommen und dort dann 100 Prozent zu geben, ohne auch nur eine Sekunde nachzulassen. Und daher springt er schließlich nach einer Zugabe unsentimental ins Parkett, eilt durch die begeisterte Menge, um im Foyer Autogramme zu geben.

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