Ein Melancholiker sucht Trost

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Man sollte den Schöpfer des Himmels und der Erden wohl nicht mit einem alten Kühlschrank vergleichen, aber was bleibt mir übrig: „Die Tage, die ich mit Gott verbrachte“ ist nun einmal Axel Hackes bestes Buch seit seinen nächtlichen Unterhaltungen mit Bosch. Das zärtlich Versponnene, das zwischen Heiterkeit und Ernst, zwischen den kleinsten Alltäglichkeiten und den großen Fragen der Menschheit changiert und die schönsten Texte des erfolgreichen Kolumnisten prägt, hat selten ein passenderes Sujet gefunden.

Tricks und Getränke

Gott also. Er taucht plötzlich auf, nachdem Hacke sein Spiegelbild im Zugfenster beobachtet hat, das Bild davonfuhr, ihn zurückließ und der Zug ihn dann, auch ohne Schienen, vor der eigenen Haustür entließ. Er zeigt sich als alter Herr, der Hacke vor einem aus einem Fenster herabfallenden Globus rettet. Dann taucht er immer wieder auf. Manchmal will er plaudern. Manchmal will er etwas trinken. Hin und wieder führt er ein paar Tricks vor. Warum er wirklich da ist? Er ist einsam. Er sucht Trost, Verständnis, Vergebung. Er weiß sehr genau, dass seine Schöpfung nicht dass ist, was die Menschen und er sich erhofft haben.

Gott, der sich lieber nicht so nennen lässt, weil er auf Glauben keinen Wert legt, ist ein etwas melancholischer Künstlertyp. Er hat den großen Wurf gewagt, doch ihm sind Fehler unterlaufen. Die lassen sich nun nicht mehr gutmachen. Aber er will erklären, warum es so gelaufen ist, was er sich dabei gedacht hat. Und er hofft auf die Versicherung, dass es ganz so schlimm auch nicht geworden ist.

Das klingt sehr philosophisch. Ist es schon auch, aber lieber lässt der Schöpfer die steinernen Löwen an der Münchner Feldherrnhalle durch einen brennenden Reifen springen, zeigt Katze, Hund und Schlange vereint beim Zigarettenrauchen, macht sich Späße mit Regenwolken und lässt Hacke als Riesen in die Luft schweben. Und außerdem ist zur Erhaltung der nötigen verspielten Skurrilität auch immer der kleine Büroelefant des Kolumnisten mit von der Partie.

Aber es geht schon auch ans Eingemachte: Das Böse? Er hat es erschaffen, weil man sonst das Gute nicht erkennen könne. Warum sind wir hier? Es gibt keine Antwort. Aber man kann ein Spiel daraus machen, sich welche auszudenken. Sie werden falsch sein, aber anders geht es nicht. Und immerhin: Zivilisation, Toleranz, Kultur und kühle Getränke - das ist doch etwas. Besser als zu Sphärenklängen herumzuschweben.

Und dann führt der Schöpfer den Autor zum Zentrum der Welt. Es sieht aus wie ein Trambahndepot. Das beherbergt etwas, das wie ein Seestern wirkt. Zehn Meter hoch. Das Große Egal. Das Zentrum, weil der Kern der Welt die Gleichgültigkeit ist. Das macht Hacke wütend. Aber Gott weist ihn darauf hin, dass alles Schöne und Große das Menschen getan und geschaffen haben, nur geschehen ist, weil sie eben nicht egal sein wollten. Und Hacke, der eben noch Das Große Egal mit einem Messer attackierte, beginnt es zu kitzeln.

Den Moment schnappen

Und Gott gibt seinen größten Fehler zu: Dass das menschliche Leben mit der Geburt beginnt, zu immer größerer Anhäufung von Wissen, Können Gefühl, Zartheit und Witz führt - und dann brutal ausgelöscht wird. Eine Idiotie, gesteht er ein. Aber das große Egal gebe auch die Freiheit der Entscheidung, die Freiheit, keine Grenzen zu akzeptieren. Jeder Einzelne ist nur ein Moment des Lebens, aber den sollte er schnappen, ihn nicht verstreichen lassen, das Leben nicht einfach hinnehmen, sondern damit tun, was er will.

Das könnte lebenshilfemäßig banal klingen, aber in Axel Hackes phantastischer und von Michael Sowa wunderschön imaginierter Bilderwelt wirkt der Besuch des Schöpfers in seiner Schöpfung vor allem menschlich und charmant.


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