Patientenverfügung

Ein Muster für das Sterben gibt es nicht

Keine Apparate, keine Schläuche mehr: Seitdem das neue Patientenverfügungsgesetz verabschiedet ist, soll allein der Wille des Patienten gelten. Doch in der Praxis gibt es Probleme.  Foto: dapd

Keine Apparate, keine Schläuche mehr: Seitdem das neue Patientenverfügungsgesetz verabschiedet ist, soll allein der Wille des Patienten gelten. Doch in der Praxis gibt es Probleme. Foto: dapd

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Hagen. Keine Apparate, keine Schläuche, keine Behandlung mehr: Der Wille des Patienten gilt. Verbindlich. Dieses Versprechen hatte die Mehrheit der Bundestagsabgeordneten gemacht, als sie für das neue Patientenverfügungsgesetz stimmten. Nun, ein gutes Jahr, nachdem das Gesetz in Kraft getreten ist, sehen Ärzte jedoch „keine Erleichterung“.

In der Praxis nämlich gebe es noch immer kaum Patientenverfügungen, die direkt anwendbar seien, sagt der Bonner Palliativmediziner Lukas Radbruch. „Bei der weit überwiegenden Zahl der Fälle müssen Ärzte, Angehörige und Betreuer interpretieren, was der Patient in der konkreten Situation wohl wünschen würde“, so Radbruch.

„Das Versprechen, dass gilt, was der Patient in seiner Verfügung aufgeschrieben hat, ist eigentlich nicht haltbar“, kritisiert auch René Röspel. Der Hagener SPD-Politiker gehört zu den Bundestagsabgeordneten, die nicht für das Gesetz gestimmt, stattdessen einen anderen Entwurf eingebracht hatten. Röspel war dafür eingetreten, dass der Patientenwille nur in den Fällen uneingeschränkt verbindlich sein sollte, in denen ein Patient an einer unabwendbar tödlichen Krankheit leidet. Im nun geltenden Gesetz jedoch muss sich ein Arzt auf jeden Fall an die Verfügung halten - selbst wenn er den Patienten eigentlich retten könnte.

Probleme sieht Röspel vor allem für Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Denn was ist, wenn die Äußerungen des verwirrten Patienten dem widersprechen, was er früher einmal in seiner Verfügung festgelegt hat? Das könne möglicherweise ein Hinweis darauf sein, dass diese Patientenverfügung nicht mehr gilt. Und für solche Fälle enthält das Gesetz Röspel zufolge eine einschränkende Formulierung. So dass der Bundestagsabgeordnete befürchtet, dass Ärzte in diesen Zweifelsfällen immer wieder die Vormundschaftsgerichte anrufen.

Zudem aber müssen die Patientenverfügungen laut Gesetz so konkret wie möglich formuliert sein. Das heißt, darin sollte festgelegt sein, ob der Patient zum Beispiel ablehnt, künstlich ernährt oder beatmet zu werden. Und das, ohne beim Schreiben der Verfügung zu wissen, an welcher Krankheit er womöglich eines Tages einmal leidet - und wie diese womöglich verläuft, erklärt Röspel. „Bei manchen Erkrankungen kann aber eine Magensonde durchaus Beschwerden lindern“, gibt Röspel zu bedenken.

Ein Formular auszufüllen oder eine Vorlage abzuschreiben - das genügt daher für eine Patientenverfügung nicht, warnt er. Seit Inkrafttreten des Gesetzes informiert Röspel immer wieder auf Vorträgen über die Patientenverfügung. „Zurzeit kursieren etwa 200 verschiedene Muster.“ Eine einfache Lösung aber gebe es nicht, jeder müsse seine eigene finden.

„Das ist kompliziert“, räumt Röspel ein. „Aber das muss man ertragen können.“ Schließlich gehe es um das eigene Leben, den eigenen Tod. Röspel rät davon ab, eine solche Verfügung ohne gründliche Beratung durch einen Arzt zu schreiben, der über mögliche Krankheiten, Krankheitsverläufe und Therapien aufklärt. Denn wenn eine Verfügung zu ungenau verfasst ist, weil der Patient auf eine Beratung verzichtet hat, dann trägt dieser das Risiko selbst. So steht es im Gesetz. Was unter Umständen bedeuten könnte, dass ein Kranker nicht mehr behandelt wird - auch wenn er es eigentlich gewünscht hätte.

Röspel rät, die Verfügung durchzusprechen mit der Tochter, dem Sohn, dem Mann, der Frau, die später einmal als Betreuer den Willen des Kranken durchsetzen sollen. Mindestens eine Woche sollte der Text beiseite gelegt, dann noch einmal vom Verfasser und den Angehörigen durchgelesen werden, um ganz sicher zu gehen, dass die Verfügung auch so verstanden wird, wie sie gemeint ist.

Einmal im Jahr sollte die Verfügung erneuert werden. Stets sei eine Hinweiskarte bei sich zu tragen, dass es eine Verfügung gibt und wo sie sich befindet. Und falls sie doch hinfällig geworden ist: „Nicht zerreißen und wegwerfen, sondern durchstreichen, mit dem Vermerk ,ungültig’ versehen und aufbewahren“, mahnt Röspel. Ansonsten glaubten die Angehörigen, dass die Verfügung noch gelte, sie diese nur nicht finden könnten.

Doch egal wie gründlich eine Verfügung ausgearbeitet ist, am Ende bleibt für Röspel immer eines unsicher: „Es ist sehr schwierig, sich in Lebenssituationen hineinzudenken, die man noch nicht erlebt hat.“ Wie man dann fühlt, was man dann tatsächlich will, sei vorher kaum abzusehen. Röspel kennt viele Geschichten von Patienten, die ihre eigene Verfügung überlebt haben - und heute froh darüber sind.

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