Burn-out

Ein Viertel aller Lehrer mit Burn-out

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Foto: Nigel Treblin/ddp

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Hagen. Im Regierungsbezirk Arnsberg soll möglichst schnell ein Konzept zum Gesundheitsmanagement an Schulen erarbeitet werden. Hintergrund ist die zunehmende Zahl erschöpfter, überlasteter und unter dem Burn-out-Syndrom leidender Lehrer.

Die Verantwortlichen haben erkannt, dass die Belastungen und Anforderungen für Pädagogen stetig gestiegen sind. Das Thema „ausgebrannte Lehrer“ komme jetzt richtig auf, sagt Burn-out-Berater Bernd Raguse und spricht von einem bislang in der Öffentlichkeit unterschätzten Phänomen. Grundsätzlich begrüßt Raguse jedes Konzept zum Gesundheitsmanagement an Schulen und dass der Arnsberger Regierungspräsident Bollermann wissen möchte, was seine Lehrer krank macht. „Ganz wichtig ist aber, dass so etwas ernsthaft und nicht alibimäßig umgesetzt wird.“

Viele Ursachen

Ein Viertel der Lehrer, zitiert Raguse eine bundesweite Statistik, habe schon einmal einen Burn-out erlitten, ein weiteres Viertel steuere darauf zu. Beunruhigende Zahlen, die für den Experten verschiedene Ursachen haben:

Lehrer wollen viel leisten, weil sie einen sehr hohen Anspruch haben, erhalten aber nicht die entsprechende Anerkennung. Wegen enger Strukturen und der Zunahme des Unterrichtsstoffs haben sie das Gefühl, unter Zeitdruck zu geraten. Sie vermissen Respekt seitens der Schüler. Die Erwartungshaltung der Eltern ist enorm gewachsen: Die Schule soll immer mehr Erziehungsaufgaben übernehmen. Lehrer leiden unter einem falschen Bild in der Öffentlichkeit: Sie hätten viele Ferientage, und der Arbeitstag wäre mit Unterrichtsschluss am Mittag beendet.

„So ist es nun wirklich nicht“, sagt Bernd Raguse, der die steigerungsfähige Wertschätzung in der Gesellschaft auch am Umgang mit gestressten Lehrern feststellt: „Ein Burn-out in heilenden und helfenden Berufen ist anerkannt. Bei Lehrern fehlt das Verständnis. Da heißt es sogar: ,Die sollen sich als Beamte nicht so anstellen’.“

Jeder muss selbst festlegen, wann er Feierabend macht

Und doch: Aus der persönlichen Beanspruchung kann sich schnell ein Gefühl der Überforderung entwickeln. Schulpsychologe Tobias Rahm sieht ein zentrales Problem darin, dass die Rahmenbedingungen der Lehrertätigkeit nicht immer mit den gestiegenen Anforderungen („es wird immer noch etwas obendrauf gesattelt“) „zeitgemäß gewachsen“ sind. Er nennt das Beispiel des veralteten Arbeitszeitmodells, das auf einer Bezahlung nach reinen Pflichtstunden basiert. Ausgeklammert sei die Zeit für die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts, für die Korrektur von Klausuren und Klassenarbeiten, für Projekte. „Jedem Lehrer ist es selbst überlassen, wie viel Zeit er dafür investiert, und jeder Lehrer muss für sich selbst definieren, wann er Feierabend hat.“ Dieses ständige Mit-sich-selbst-aushandeln, dieses Nachdenken darüber, „wann habe ich meine Pflicht getan“, könne sehr wohl krank machen.

Christiane Ihlow schlägt in die selbe Kerbe: „Aus dem Gefühl, ,Ich habe nie Feierabend’ kann sich extrem schnell ein Gefühl von Burn-out entwickeln.“ Für die Chefärztin Psychosomatik der Klinik Möhnesee ist besonders alarmierend, dass die Erschöpfungssymptome bei jungen Lehrern, solchen in den ersten fünf, sechs Berufsjahren, deutlich zugenommen haben.

Die Medizinerin geht von zwei Erklärungsansätzen für Überlastungen bei Pädagogen aus: Zum einen lernten Lehrer gar nicht oder nur unzureichend Zeitmanagement. Zum anderen hätten viele Lehrer nach wie vor einen altruistischen Anspruch: Sie wollen Kindern und Jugendlichen möglichst viel vermitteln und entsprechend viel bewirken. „Die Realität hält dem aber oft nicht Stand.“ Kränkungen im Umgang mit Eltern und Kindern, Unterricht in großen Klassen und die Zusatzbelastung durch Nachmittagsstunden täten ihr übriges.

Ein Lehrer ist kein Tausendsassa

Christiane Ihlow begrüßt das im Regierungsbezirk Arnsberg geplante Gesundheitsmanagement für Lehrer („ein sehr guter Ansatz“). Doch eigentlich müsse die Auseinandersetzung bereits im Studium begonnen und dann im Schulalltag fortgesetzt werden: es müssten Zeitmanagement gelehrt, Störungsbilder bei Kindern (z.B. ADHS) erläutert, der Umgang mit schwierigen Kindern erprobt und Experten von außen geholt werden (Supervision), die Konfliktmanagement mit Schülern und Eltern vermitteln.

Genauso sieht es Udo Beckmann, Bundes- und NRW-Chef des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), der eine verstärkte Einbindung von Lehrern in Netzwerke mit Schulpsychologen und Sozialpädagogen fordert. Ein Lehrer könnte nicht alles alleine lösen, sagt Beckmann. „Er ist kein Tausendsassa.“

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