Erneuerbare Energie

Ein virtuelles Biogas-Kraftwerk

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Soest/Köln. Der Ausbau des der erneuerbaren Energien gefährdet die Stabilität des Stromnetzes? Das ist richtig. Aber das Gegenteil auch: Biogasanlagen können dazu dienen, genau diese Stabilität zu gewährleisten. Die Betreiber, auch in Südwestfalen, wo es eine hohe Dichte im Kreis Soest gibt, erhalten zur Zeit Angebote von Unternehmen, die zu diesem Zweck einzelne Kleinanlagen zu einem virtuellen Kraftwerk zusammenschalten wollen.

Hintergrund der neuen Möglichkeiten ist die Novelle des Erneuerbare Energien Gesetzes (EEG), das 2012 in Kraft tritt. Die hat in der Biogasbranche viel Unmut hervorgerufen, weil es künftig nur dann eine Vergütungsprämie gibt, wenn zusätzlich zum Strom auch 60 Prozent der Abwärme genutzt werden. Eine so hohe Quote gefährde den weiteren Zubau in einer Branche mit 40 000 Arbeitsplätzen, kritisierte Josef Pellmeyer, Präsident des Fachverbandes Biogas. Auch die förderfähige Beschränkung des Maisanteils auf 60 Prozent, zur Verhinderung von Monokulturen, wird teils kritisch gesehen. Dafür sind künftig Mini-Anlagen von 75 kW förderfähig, wenn sie zu 80 Prozent Gülle einsetzen.

Und es gibt prinzipielle finanzielle Änderungen: Anlagenbetreiber können ihren Strom selbst an der Börse vermarkten und sich die Differenz zur garantierten Einspeisevergütung als Marktprämie auszahlen lassen. „Wir sind im Moment noch unsicher, ob das für den Einzelnen sinnvoller ist“, sagt Arne Dahlhoff vom Arbeitskreis Biogas Südwestfalen bei der Landwirtschaftskammer NRW in Bad Sassendorf. Das Bundesumweltministerium will möglichst viele Produzenten für einen Wechsel gewinnen, um sie frühzeitig an den Markt zu gewöhnen, der nach Auslaufen der EEG-Vergütung ohnehin kommt. Strommakler bieten dafür zur Zeit ihre Dienste an. Aber die haben noch mehr im Angebot: „Biogasanlagen im Verbund könnten einen Beitrag leisten zum Regelenergiemarkt, der die Balance zwischen Angebot und Nachfrage schaffen muss“, erläutert Ralf Biernatzki vom Institut für Green Technology & Ländliche Entwicklung der Fachhochschule Südwestfalen.

Jan Aengenvoort vom Kölner Unternehmen Next Kraftwerk kann das genauer erklären: „Wir statten die Anlagen mit einer Steuerungssoftware aus, die sie hoch- und runterregeln kann - je nach Marktpreis des Stroms.“ Das ist die Basis. Und für den Regelenergiemarkt, der die Einhaltung der 50 Hertz Netzspannung garantieren muss, wird eine Box installiert, die Anlagen zu einem Pool zusammenschließt - zu einem virtuellen Kraftwerk mit mindestens 15 Megawatt. Es kann in Sekundenschnelle Strom einspeisen oder stoppen - je nach Bedarf.

Für die einzelnen Anlagenbetreiber rechnet sich das, weil ihnen schon die Bereitschaft mitzumachen vergütet wird. Das Hoch- oder Runterfahren dann auch. „Damit könnten sie von negativen Preisen an der Börse profitieren“, sagt Biernatzki. Die hat es bei Überangeboten schon gegeben. „Das Problem wird sich verschärfen, weil Wind- und Solarenergie nicht steuerbar sind“, erläutert Dahlhoff. In NRW mit vielen Menschen und entsprechend hohem Verbrauch ist das allerdings weniger wahrscheinlich als im dünn besiedelten, windreichen Nordosten. Der Vorteil der Biogasanlagen - 12 im Hochsauerlandkreis, 4 im Märkischen Kreis, 2 im Kreis Siegen, 2 im EN-Kreis, knapp 40 im Kreis Soest und in ganz NRW bis Ende des Jahres etwa 500 mit einer Gesamtleistung von 197 MW - besteht in ihrer Flexibilität. Dahlhoff: „Sie sind schnell regelbar und haben meist einen Gasspeicher für zwei bis acht Stunden.“

Next-Sprecher Aengenvoort zieht Vergleiche zu den Pumpspeicherkraftwerken, die ja ebenfalls ausgebaut werden sollen. Sein Unternehmen hat auch andere Stromproduzenten im Visier: Notstromanlagen, wie sie in Krankenhäusern oder Fußballstadien vorgehalten werden. Da sind bereits die notwendigen 15 MW für ein virtuelles Kraftwerk erreicht. Wobei diese Dieselaggregate nun gerade nicht ökologisch sind. „Wir können aber Testbetrieb und Wartungsfälle so legen, dass der Strom genutzt wird“, meint Aengenvoort. Beim Biogas habe man in NRW Dutzende Partner, mit denen gerade Verträge unterschrieben würden: „Die 15 MW sind gesichert.“

Derweil will die Monopolkommission, die den Wettbewerb überwacht, das EEG-System, das derzeit mit 3,5 Cent je Kilowattstunde vom Stromkunden finanziert wird, lieber ganz beerdigen und stattdessen Stromanbietern einen Anteil von etwa 35 Prozent Ökostrom vorschreiben. Diese könnten dann marktnah und preisbewusst selbst entscheiden, wie sie sich den besorgen. Eine solche Quotenregelung hat aber politisch derzeit keine Chance.

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