Kontaminiertes Blut

Envio-PCB-Skandal weitet sich aus

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Das Firmenschild des Envio-Technologieparks, aufgenommen  in Dortmund.                                               Foto: ddp

Das Firmenschild des Envio-Technologieparks, aufgenommen in Dortmund. Foto: ddp

Foto: ddp

Dortmund. Der Umweltskandal bei der Dortmunder Entsorgungs­firma Envio droht sich aus­zuweiten.

Nachdem bei 95 Prozent der Envio-Mitarbeiter festgestellt wurde, dass ihr Blut weit über alle Grenzwerte hinaus (25 000-fache Erhöhung) mit der krebsfördernden Chemikalie polychloriertes Biphenylen (PCB) verseucht ist, stehen nun noch die Ergebnisse für 300 Männer und Frauen an, die als Untermieter oder Leiharbeiter auf dem Gelände der Recyclingfirma gearbeitet haben.

Das Gesundheitsamt der Stadt Dortmund rechnet damit, dass die Resultate Anfang der kommenden Woche vorliegen. Außerdem wurden dreißig Termine mit Kleingärtnern und Anwohnern zur Blutuntersuchung vereinbart, die in der Nähe von Envio wohnen oder dort ihre Garten-Scholle beackern.

Den Kindern die Blutentnahme ersparen

Kinder unter 14 Jahren sollen laut Dr. Annette Düsterhaus, Leiterin des Dortmunder Gesundheitsamtes, zunächst nicht untersucht werden, „um ihnen die Belastung der Blutentnahme zu ersparen“. Dr. Annette Düsterhaus: „Außerdem gibt es keine Therapiemöglichkeiten bei einer PCB-Anreicherung im menschlichen Körper.“ Die Expertenrunde um Prof. Michael Wilhelm (Ruhr Uni), die die Blutuntersuchungen der Mitarbeiter bewertete: „Wegen der langen Verweildauer von PCB im mensch­lichen Körper lassen sich spätere gesundheitliche Auswirkungen nicht ausschließen.“

„Umso unverständlicher ist das Verhalten der beteiligten Behörden im Fall Envio“, kritisieren Umweltschützer. Bereits 2007 hatte das Landesumweltamt (LANUV) PCB-Belastungen im Dortmunder Hafengebiet entdeckt. Im November 2008 fand das LANUV in Gemüsepflanzen aus den Kleingartenanlagen Hafenwiese, Hobertsburg und Westerholz PCB und Dioxine. Am 16. Januar 2009 wurden die Ergebnisse der Bezirksregierung Arnsberg vorgestellt, am 27. Januar 2009 folgten die Kleingärtner. Die vorsorgliche Empfehlung: „Esst kein selbst angebautes Gemüse.“ Derweil ging die Suche nach der Ursache der Belastung weiter.

PCB-reine Trafo-Bleche waren verseucht

Nach einem Hinweis aus der Bevölkerung nahmen Mitarbeiter der Bezirksregierung und des Landesumweltamtes am 30. April 2010 Proben auf dem Envio-Firmengelände. Am 5. Mai um 16.42 Uhr lagen die Ergebnisse vor: An vorgeblich „PCB-reinen“ Trafo-Blechen wurde die PCB-Belastung um das 150-fache überschritten. Um 19 Uhr folgte die Teilstilllegung des Betriebes.

Doch Envio folgte der Auflage nicht. Nach Aussagen eines ehemaligen Mitarbeiters verstieß der Abfall-Entsorger weiter „zigfach gegen Auflagen und Sicherheitsrichtlinien“. Es ist von Vertuschungen und Täuschungen die Rede. Die Folge: Am 20. Mai 2010 verfügt die Bezirksregierung die sofortige Stilllegung des gesamtes Betriebes.

Die Bezirksregierung erstattet Strafanzeige gegen Envio wegen vorsätzlicher Körperverletzung. Dazu Jörg A. Linden, Pressesprecher der Bezirksregierung: „Die kriminelle Energie, die die Unternehmensleitung angetrieben hat, ist die einzige Erklärung für dieses Verhalten.“ Envio habe Städte, Behörden, die Medien und sogar Zertifizierungs-Experten getäuscht.

Umweltzertifikate für Envio

So wurde Envio dreimal als vorbildlicher Entsorgungsfachbetrieb mit ISO-Normen ausgezeichnet. Die Wirtschaftsförderung der Stadt Dortmund verlieh Envio noch im Dezember 2009 das Umweltzertifikat „Ökoprofit“. Die Dortmunder Grünen betonten stets die tadellose Innovationsbereitschaft des Betriebes. Im November 2008 erteilte der Dortmunder Stadtrat Envio ein Erbbaurecht an Industriegrundstücken mit einer Laufzeit von 40 Jahren.

Auch wenn sich Envio-Vorstandschef Dr. Dirk Neupert „tief erschüttert und ebenso überrascht“ über die jüngste Entwicklung äußert, verloren die Envio AG Inhaber-Aktien, die im Xetra gehandelt werden, innerhalb weniger Minuten fast zwei Drittel ihres Wertes. Die Experten von „Smart Investor“ empfehlen ihren Anlegern sogar, „die Aktie von Envio aus dem Depot zu entfernen“.

Diese Entwicklung wird viele deutsche Unternehmen vor Probleme stellen, denn laut Envio Referenzen-Liste ließen BASF, Bayer, BMW, BEWAG, DB Energie, EnBW, EON, Ford, Hoechst, Hoesch, die Hüls AG, Remondis, RWE, Schering, Siemens, Thyssen und VW ihre Transformatoren bei dem Dortmunder Betrieb entsorgen.

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