Gegen die Wand

Gegen die Wand am Theater Hagen

Kristine Larissa Funkhauser als Sibel und Radoslaw Wielgus als Cahit in der Oper Gegen die Wand. Foto: Theater Hagen

Kristine Larissa Funkhauser als Sibel und Radoslaw Wielgus als Cahit in der Oper Gegen die Wand. Foto: Theater Hagen

Foto: Theater Hagen

Hagen.   Das Publikum feierte die deutsch-türkische Opern-Inszenierung Gegen die Wand am Theater Hagen mit langem Beifall im Stehen.

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Wohl zum ersten Mal in der 100jährigen Geschichte des Theaters Hagen hat die Zeitung Hürriyet einen Kritiker in das Haus geschickt. Denn Ludger Vollmers Oper „Gegen die Wand“ wird in Hagen konsequent in deutsch-türkischer Sprache inszeniert. Das Stück erzählt von einer tragischen Liebe in einer Lebensrealität jenseits der Erfahrungswelt der meisten Theaterbesucher. Es dauert lange, bis die Geschichte berührt.

Eine Boulevard-Zeitung hatte vor der Aufführung versucht, die Produktion zu skandalisieren. „Die schmutzigste Opernpremiere des Jahres“ titelte das Blatt und kritisierte eine Vergewaltigung von hinten und zahlreiche unanständige Begriffe. Doch der Skandal bleibt aus. Das Hagener Publikum feiert eine großartige Ensemble-Leistung mit Beifall im Stehen. Für diese Produktion gibt es nur ca. 500 Plätze, weil Teile der Ränge wegen eingeschränkter Sicht nicht freigegeben werden.

„Gegen die Wand“ ist die erste Oper, die nach einem Film komponiert wurde. Fatih Akin hat für seinen gleichnamigen Streifen 2004 einen Goldenen Bären auf der Berlinale erhalten. Aber Kino auf die Bühne zu bringen, das ist schwieriger als umgekehrt, wie sich zeigt. Denn anders als in der Westside-Story gibt es in dieser modernen Romeo-und-Julia-Adaption keine sympathischen Helden.

Sibel und Cahit haben ein paar Probleme zu viel. Er ist depressiv, säuft, nimmt Drogen, hängt mit den Punks herum. Sie will aus dem streng-bürgerlichen Elternhaus ausbrechen, giert nach Leben und verwechselt doch das Leben mit Sex im Vorbeigehen. Beide treffen sich nach gescheiterten Selbstmordversuchen.

Sibel erweist sich als erstaunlich resistent gegen Lernerfahrungen. Noch kurz vor Schluss beschimpft sie ihre Cousine Selma, weil die ihr den in der Welt üblichen Rhythmus aus Arbeiten und Schlafen aufzwingen will, raucht Opium, wird vergewaltigt, provoziert anschließend betrunkene Männer so lange, bis diese mit Messern auf sie einstechen.

Weil man das alles nicht wirklich wissen will, und weil das Stück nicht nur in Parallel-Schnitten, sondern auch in merkwürdigen Schleifen erzählt wird, bleibt der erste Akt langweilig. Intendant Norbert Hilchenbach tut als Regisseur sein Bestes, um mit viel Aktion gegenzusteuern und rückt das Geschehen ganz nah ans Publikum heran. Es gibt unfreiwillig komische Momente, etwa wenn der Opernchor bei Sibel und Cahits Hochzeit unbeholfen türkisch tanzt oder wenn der grundanständige Tenor Richard van Gemert als Barkeeper Niko nur mit größter Mühe alle F-Worte seiner Rolle herausbringt.

Wunderbare
Hauptdarsteller

Erst sehr langsam erhält die Geschichte allgemeingültige und damit auch anrührende Momente. Zwei Faktoren sorgen dafür, dass man dabeibleibt. Die unglaublich raffinierte und sprachmächtige Musik von Ludger Vollmer, die abendländische und orientalische Klangwelten zu betörenden Melodiebögen verschmilzt. Und die intensive darstellerische und stimmliche Präsenz von Kristine Larissa Funkhauser und Radoslaw Wielgus.

Die Mezzosopranistin zeigt ihre Sibel als unberechenbar-verletzliches Mädchen, hinter dessen ordinärem Auftreten sich eine zarte Seele verbirgt und eine brüllende Sehnsucht, der sie weder Namen noch Ausdruck verleihen kann. Kristine Larissa Funkhauser ist die einzige aus dem Ensemble, die die Viertelton-Motive der türkischen Musikkultur so brillant singen kann wie westlich-klassische Melodien. Radoslaw Wielgus ist als Cahit eine explosive Mischung aus wortkarger Depression und Gewaltbereitschaft. Auch der Gast-Bariton legt ebensoviel Seele wie Kunstfertigkeit in seine Stimme.

Im zweiten Akt geht die Handlung weg vom detaillierten Milieu und kommt fesselnder auf den Punkt. Sibel und Cahit sind die zwei verlorenen Königskinder, die einander nicht nahe kommen können. Nun gibt es endlich große ariose Aufschwünge.

Bühnenbildner Jan Bammes hat für „Gegen die Wand“ die Wand aller Wände gebaut. Sie verdeckt einerseits das Podest für das fast unsichtbar und unter der Leitung von Wolfgang Müller-Salow großartig spielende Orchester. Andererseits bietet sie eine quasi oratorienhafte Plattform für die Handlung, die durch den mitunter nervigen Einsatz des Erzählers (Robert Schartel) ohnehin oratorienartige Züge annimmt.

Gleichzeitig ist „Gegen die Wand“ eine Tanzoper. Die Protagonisten nähern sich einander, können sich doch nicht berühren, und Ricardo Viviani findet für das bizarre Werben dieses seltsamen Liebespaares eine Choreographie, die zum traurigsten und zärtlichsten gehört, das auf einer Bühne je zu sehen gewesen ist.

Das Theater Hagen hofft, mit dieser deutsch-türkischen Produktion auch die türkischen Einwohner der Region ins Haus zu locken. Es wird spannend sein, zu beobachten, ob das funktioniert. Denn das hier gezeigt Milieu dürfte der bürgerlich-türkischen Schicht ebenso fremd sein wie der bürgerlich-deutschen. Der Theaterförderverein spendet 3000 Eintrittskarten, damit viele Schulklassen ins Theater gehen können.

Karten: 02331 / 2073218 oder www.theater.hagen.de

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