Stasi-Vorwürfe

„Gespenstische Wende” im Fall Benno Ohnesorg

Foto: ddp

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Berlin/Hagen. Als im Dezember 2008 in der Krummen Straße in Berlin-Charlottenburg eine Gedenktafel für Benno Ohnesorg enthüllt wurde, sagte Kulturstaatssekretär Schmitz, dass der am 2. Juni 1967 von dem Polizisten Karl-Heinz Kurras erschossene Ohnesorg „mit seinem Tod als Synonym für einen Wendepunkt in der westdeutschen Studentenbewegung” stehe. 42 Jahre danach nimmt der Fall eine überraschende Wendung, „eine gespenstige Wende”, wie Philosophie-Professor Oskar Negt sagt: Kurras soll Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi und SED-Mitglied gewesen sein.

Den Stein ins Rollen gebracht haben Dr. Helmut Müller-Enbergs und Cornelia Jabs. Der in Haltern geborene Diplompolitologe Müller-Enbergs arbeitet in der Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen und ist ein vielgefragter Mann, seitdem er am Donnerstagabend im ZDF-„Heute-Journal” von seinen Funden im Aktenbestand des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit berichtete. Gestern sind die Anschlüsse der Pressestelle der Birthler-Behörde dauerbesetzt, Müller-Enbergs ist ganztätig außer Haus, wie es an dem (nicht dauerbesetzten) Telefon in seinem Büro heißt - „ist doch Brückentag”, so eine freundliche Dame.

Während einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien in West-Berlin wurde der unbewaffnete Ohnesorg unter ungeklärten Umständen von Kurras erschossen. Der Polizist wurde mehrfach von Gerichten freigesprochen. Eine Stasitätigkeit streitet der heute 81-Jährige ab. Der Tod des 26-Jährigen hatte weitreichende Folgen: Die zuvor friedliche Studentenbewegung wurde gewaltbereit; die 68er-Zeit erlebte ihre Geburtsstunde.

Auch wenn die Forscher der Birthler-Behörde betonen, dass es keinen Anhaltspunkt für einen Stasi-Auftragsmord gebe, ist gestern die Frage aufgeworfen worden, ob die Studentenproteste vor dem Hintergrund der spektakulären Enthüllungen anders verlaufen wären. „Nein”, sagt Historiker Arnulf Baring. „Die Studenten hätten das nicht geglaubt.”

Die Vereinigung der Opfer des Stalinismus stellte Freitag Strafanzeige gegen Kurras.

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