Interview

„Hier werden Begüterte vor sozial Benachteiligten geschützt"

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Potsdam. Prof. Dr. Manfred Rolfes hat eine Professur für Angewandte Humangeographie und Regionalwissenschaften an der Universität Potsdam. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Fragestellungen aus der angewandten Stadt- und Regionalentwicklung.

Frage: Die Potsdamer Wohnsiedlung Arcadia, Deutschlands bislang einzige Gated Community, ist seit kurzem komplett ausverkauft. Wird das Modell des beschützten Wohnens in Deutschland Konjunktur haben?

Rolfes: Die Frage ist zunächst, ob von Konjunktur gesprochen werden kann, wenn es zehn Jahre dauert, bis die erste deutsche Gated Community mit nur 45 Wohneinheiten verkauft ist. Mein augenblicklicher Eindruck ist, dass Gated Communities in Deutschland keinen großen Erfolg haben werden. Das Produkt lebt ja davon, dass in der Gesellschaft ein starker Unsicherheitsdiskurs vorhanden ist. Die Diskrepanzen zwischen Arm und Reich, zwischen Bedrohung und Schutznotwendigkeit müssten in Deutschland größer werden oder zumindest müsste öffentlich mehr darüber diskutiert werden.

Frage: Die Zielgruppe der Arcadia wird von der Maklerfirma als „transatlantische Elite" beschrieben. Was verbirgt sich hinter dem Begriff?

Rolfes: In der Wissenschaft gibt es diesen Begriff nicht. Für mich klingt er eher nach einem Kunstbegriff der Maklerfirma. Wer möchte nicht gerne in einem Komplex leben, in dem „transatlantische Eliten" wohnhaft sind? Es mag sein, dass damit Gruppen von Hochqualifizierten bezeichnet werden sollen, deren berufliches Einsatzfeld global ist. Ob solche Leute tatsächlich in der Arcadia wohnen, ist eine ganz andere Frage.

Aus der US-Forschung wissen wir, dass die Bewohnerschaft von Gated Communities zwar überdurchschnittlich oft den höheren Bildungs- und Einkommensgruppen zugeordnet werden kann, zu den Zielgruppen gehören aber auch mittlere Einkommensgruppen. Ich weiß, dass auch in Arcadia nicht überwiegend „transatlantische Eliten" wohnen. Sicherlich werden es Bewohner mit gutem und gesichertem Einkommen sein - darauf wird die Vermietungsverwaltung schon geachtet haben.

Frage: Warum möchten Menschen in Gated Communities leben?

Rolfes: Mein Eindruck ist: Da findet ein ganz normaler Segregationsprozess statt. Man muss bei Gated Communities aber von einer freiwilligen Segregation sprechen. Wenn Gated Communities zum städtischen Immobilienangebot gehören und die Bedürfnisse der Wohnraumnachfrager damit gut befriedigt werden, dann ziehen die Leute da eben hin. In der Regel handelt es sich bei Gated Communities um Immobilienangebote im Hochpreissegment. Das kann sich nur ein bestimmtes Klientel leisten. Und die kaufen sich dann ein bestimmtes Set von Wohnqualität, das neben guter Lage, hochwertiger Ausstattung und ausgewählter Nachbarschaft eben auch Sicherheit und Schutz bietet. Das gehört dann zur gekauften Dienstleistung dazu: wie Gartenpflege, Schneefegen oder Mülltonnen an die Straße stellen.

Frage: In den USA und vielen Dritte-Welt-Ländern sind Gated Communities weit verbreitet. Welche gesellschaftlichen Folgen lassen sich erkennen?

Rolfes: Mit scheint, man muss die Frage andersherum stellen: Aufgrund welcher gesellschaftlichen Entwicklungen kommt es zur Herausbildung von Gated Communities? Es scheint ja in einigen Ländern ein sehr guter Markt dafür zu existieren: Insbesondere in den USA, aber teilweise auch in West-, Süd- und Osteuropa. In vielen Ländern der Dritten Welt sind Gated Communities ebenfalls stark verbreitet.

Das hat nach meiner Ansicht unmittelbar mit der Tatsache zu tun, dass in diesen Ländern die Unterschiede zwischen dem unteren und oberen Ende der Gesellschaft immer stärker thematisiert werden. Armut und soziale Benachteiligung werden immer stärker in einem Bedrohungskontext diskutiert. Und in den Großstädten, Megacities und Metropolen werden diese steigenden sozialen Differenzierungen einerseits sichtbar, andererseits aber auch sehr intensiv diskutiert.

Es ist dann eigentlich keine Überraschung mehr, dass auf einem Boden, der zum einen Armut zur Bedrohung macht, der zum anderen den wachsenden Reichtum einer kleinen Minderheit beobachtet bzw. feststellt, Gated Communities gedeihen, in denen die Begüterten vor den ökonomisch und sozial Benachteiligten geschützt werden müssen.

„Arcadia grenzt ja auch aus, und zwar ganz gezielt den überwiegenden Teil der Bevölkerung."

Frage: Die Errichtung der Arcadia war in Potsdam von großen Protesten begleitet. Wie bewerten sie diese?

Rolfes: Ich glaube, der Protest speist sich aus zwei Quellen: Einerseits der Tatsache, dass mit dem Bau der Arcadia ein sehr schönes Grundstück der Öffentlichkeit weitestgehend entzogen wurde und nun durch eine exklusive Elite reserviert wird.

Andererseits glaube ich aber auch, dass sich der Protest gegen die mitgedachte Zweiteilung und Polarisierung der Gesellschaft richtet. Arcadia grenzt ja auch aus, und zwar ganz gezielt den überwiegenden Teil der Bevölkerung. Die Bewohner sollen geschützt und sicher wohnen, sie müssen scheinbar geschützt werden. Die Ausgegrenzten befinden sich dann natürlich immer auch in der Rolle derjenigen, vor denen „geschützt" werden muss. Das heißt, mit dem Bau einer Gated Community wird in Potsdam eine Bedrohungs-Grenze thematisiert, die eigentlich nicht nötig ist. In Potsdam muss niemand durch Zäune und Wachmänner vor sozial Benachteiligten geschützt werden.

Mit Prof. Dr. Manfred Rolfes sprach Alexander Kruse.

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