Homosexualität

"Im Sauerland ist wenig Platz für Schwule"

Foto: WDR WNM

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Hochsauerland. Ist im Sauerland kein Platz für Schwule? Kevin hat das so erlebt. Als er merkte, dass er schwul ist, war das für ihn kein Problem. Für sein Umfeld schon. Deswegen ist Kevin weggezogen.

Kevin ist 22. Kevin ist Sauerländer. Kevin war im Schützenverein. Kevin ist schwul. Weil er anders ist als die anderen in Niedersfeld, dem 2000-Seelendorf bei Winterberg im Hochsauerlandkreis, ist Kevin weggegangen. Für einen schwulen jungen Mann gab es dort keinen Platz. Das haben ihn die anderen Einwohner deutlich spüren lassen. Jetzt lebt Kevin in Köln und kämpft dafür, dass es andere homosexuelle Jugendliche im Sauerland leichter haben als er; dass sie ihre Sexualität leben können und akzeptiert werden.

Der WDR zeigt heute Abend die Sendung „,Schwule Sau’ – Der neue Hass auf Homosexuelle“, für die Kevin, begleitet von einem Kamerateam, noch einmal zurück in sein Heimatdorf ging. Im Interview mit DerWesten erzählt er, wie er sich geoutet hat, was die Sauerländer mit Schwulsein verbinden und warum er deswegen aus dem Schützenverein ausgetreten ist.

Ist im Sauerland für Schwule kein Platz?

Kevin: Eher nicht. Über Schwule und Schwulsein wird nicht gesprochen. In meinem Heimatdorf liegt es wohl daran, dass es dort noch nie wirklich ein Outing gab. Vor mir. Ich habe im Dorf gesagt: „Ich bin schwul!“ Damit war ich der erste. Über das Thema wird nur hinter verschlossenen Türen gesprochen. Die Leute haben damit ein Problem.

Wie hast du dich geoutet?

Kevin: Das Gerücht ging schon länger rum. Leute haben mich darauf angesprochen, aber ich habe es immer wieder abgestritten. Ich habe mich selbst noch nicht getraut damals. Und als dann sogar Leute in meinem Alter meinten: „Das ist gut so, sonst hätten wir auch nicht mehr mit dir geredet“, hat das natürlich den Druck auf mich erhöht und meinen Frust gesteigert. Ich habe sogar mit Selbstmordgedanken gespielt. Als dann alles zu viel war, habe ich einem Freund davon erzählt, und da ist mir ein riesengroßer Stein vom Herzen gefallen. Da war der erste Schritt gemacht.

Wie hat deine Familie reagiert?

Kevin: Als ich es meiner Mutter sagen wollte, habe ich natürlich erst einmal rumgedruckst. Irgendwann kam von ihr die Standardfrage: „Wann bringst du denn endlich mal eine Schwiegertochter mit?“ Und da habe ich gesagt: „Mama, ich muss dir was sagen!“ Und da wusste sie schon Bescheid. Meine Familie hat es ganz locker aufgenommen und steht voll hinter mir. Da ist mein Schwulsein gar kein Thema.

Gab es Situationen, in denen du dich bedroht gefühlt hast?

Kevin: Richtig bedroht nicht. Das Schlimme war, dass man natürlich von anderen Leuten hört, wie über einen geredet wird. Auf dem Schützenfest wurde mir kein Bier mehr mitgebracht, wenn einer eine Runde geholt hat. Oder Leute, mit denen ich mich vorher gut verstanden habe, sind weggegangen, als ich an die Theke kam. Ich habe mich nicht alleine auf die Toilette getraut, und oft sagen Blicke ja schon alles.

Was verbinden Sauerländer mit Schwulsein?

Kevin: In den Köpfen ist Schwulsein als ansteckend und schlecht verankert. Viele tun es als psychische Krankheit ab. Die katholische Kirche hat im Sauerland noch sehr viel Einfluss. Und wenn der Priester von der Kanzel predigt, dass Schwulsein böse ist, dann glauben die Menschen das. Gleichzeitig kennen die Leute im Dorf keine Schwulen. Sie hatten noch gar keine Chance, sich damit vor Ort auseinander zu setzen.

Und das hast du auch immer so erlebt?

Kevin: Natürlich sind nicht alle Sauerländer so. Ich habe noch Kontakte mit alten Bekannten, die mich auch unterstützen. Aber das sind wenige. Doch der Großteil meines Freundeskreises hat sich von mir abgewandt.

Was hat dich am meisten verletzt?

Kevin: Ich war sehr aktiv im Dorf, habe Jugendarbeit gemacht, war bei allen Arbeitseinsätzen dabei und im Schützenverein aktiv. Und plötzlich fühlt man sich wie ein Häufchen Dreck. Keiner will mehr etwas mit dir zu tun haben, und dabei hat man vorher so viel für alle getan. Es war schon schwierig, dort wegzugehen. Das ist schließlich meine Heimat. Aber jetzt habe ich mir ein neues Leben aufgebaut und neue Freunde gefunden.

Kanntest du homosexuelle Jugendliche in deinem Ort?

Kevin: Im Ort nicht, in der Umgebung schon. Die habe ich damals durchs Internet gefunden und es tat gut, mit ihnen zu reden. Ansonsten hat man im Hochsauerland keine Möglichkeiten. Anlaufstellen gibt es nicht. Man müsste nach Dortmund oder Soest fahren, und das ist ganz schön weit weg. Nachdem ich mich geoutet hatte, haben sich andere Jugendliche mit dem gleichen Problem bei mir gemeldet. Sie haben sich quasi bei mir geoutet. Ich versuche zu helfen, deswegen habe ich auch bei der Doku mitgemacht. Das Sauerland muss wachgerüttelt werden. Ich bin nicht der einzige Schwule dort.

Wie liefen die Dreharbeiten für die Sendung?

Kevin: Wir sind ja zurück in meine ehemalige Schule, in die Kirche und auch zu einer Versammlung des Schützenvereins gefahren. Natürlich haben uns alle begafft. Die Leute im Ort waren darauf nicht vorbereitet. Für mich war es eher eine Genugtuung. Ich habe mich geoutet, für mich ist alles gelaufen. Es interessiert mich nicht mehr, was man dort über mich sagt. Aber ich tue das für die anderen, die sich noch nicht getraut haben. Ich hoffe einfach, ich kann irgendwie ein wenig Akzeptanz schaffen.

Mit Kevin sprach Sina Heilmann.

",Schwule Sau' - Der neue Hass auf Homosexuelle" Montagabend, 12. April, um 22 Uhr im WDR.

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