Karneval

In Unna ist heute Aschermittwoch

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Helmut Scherer thront auf seinem letzten Wagen.

Helmut Scherer thront auf seinem letzten Wagen.

Foto: WP

Unna. Nach 55 Jahren ist Schluss. Heute wird Unnas Oberjeck Helmut Scherer zum letzten Mal als kleinster Karnevalszug der Welt durch die Innenstadt ziehen.

Es riecht ein wenig nach kleinbürgerlicher Spießigkeit, wenn man das Mehrfamilienhaus im Unnaer Westen unmittelbar neben dem Katharinen-Krankenhaus sieht. Ein hässlicher Zweckbau. Flaches Dach, rote Backsteinreihen unterbrechen die graue Tristesse, Baustil anno 1973. Die grünen Briefkästen stehen in Reih’ und Glied. Sauber geordnet nach Stockwerk und Wohnung.

Der Schlagbaum an der Einfahrt zum Grundstück zeigt: „Hier ist nicht jeder willkommen“. Im Gebäude setzt sich der triste Eindruck fort. Auf dem Boden wartet das graue Linoleum auf den nächsten Besuch der Bohnermaschine. Die Flure sind dunkel und monoton. Tür reiht sich an Tür, Abwechslung sucht man vergebens. Nein, selbst kühnste Fantasten würden hinter den dicken Betonmauern nicht die Heimat des Unnaer Oberjecken erwarten.

Doch in Wohnung 302 befindet sich die Keimzelle des Frohsinns. Eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung. Helmut Scherer öffnet die Tür. In der Wohnung herrscht Dekadenz. Neben der Anrichte vom Typ Gelsenkirchener Barock steht der 42-Zoll-LCD-Fernseher. Unter dem modernen TV-Gerät der antiquiert wirkende Videorekorder. Die dazu gehörigen Kassetten türmen sich auf dem Wohnzimmertisch. Alle fein säuberlich beschriftet. Sie konservieren Scherers Heldentaten für die Ewigkeit. Auf dem Sofa für zwei wartet eine lebensgroße Harlekinfigur. „Sie sitzt das ganze Jahr über dort“, verrät Scherer.

Der gebürtige Paderborner lebt für den Karneval. Auf den Schränken stapeln sich Requisiten aus vergangenen Jahren. Vom riesigen Duden aus Pappmasche, mit dem er sich einst gegen die Rechtschreibreform auflehnte, bis zum Schild mit der Aufschrift: „Wer Unna nicht kennt, hat die Welt verpennt“. Ein bisschen Eigenwerbung für den Zug, der ihn berühmt machte. Scherer nimmt neben der Harlekinfigur Platz.

Die Geschichte, wie er den Karneval nach Unna brachte, erzählt ist ein Evergreen. Alles begann 1956. Scherer, damals 22 Jahre alt, zog mit seiner Tante aus Paderborn nach Unna. Seine Eltern verstarben früh, seine Tante, Ordensschwester in Paderborn zog ihn groß. Dort im Internat hatte Scherer den ersten Kontakt mit der Narretei. „Dort wurde Karneval gefeiert. Das hat mir so gut gefallen, dass ich nicht mehr davon los kam.“ Seine Tante wechselte den Arbeitsplatz und begann eine Tätigkeit im Katharinen-Hospital Unna. „Wo is’ dat denn, habe ich damals gefragt“, erinnert sich Scherer im besten Ruhrgebietsslang, „ich dachte erst, wir ziehen nach Ungarn.“ Doch es ging an den Rand des Ruhrgebiets.

Es war der 10. November 1956. Als der Wagen mit Scherer und seiner Tante vor einer roten Ampel hielt, hatte Scherer ein einschneidendes Erlebnis. Eine Kinder-Gruppe schlenderte bewaffnet mit bunten Laternen und Martinsliedern auf den Lippen über die Straße. „Wenn die so etwas machen, dann feiern die auch Karneval“, dachte sich der junge Scherer.

Die Zeit drängte, schließlich war der 11.11. nur noch wenige Stunden entfernt. Scherer eilte zu einer Müllhalde, besorgte sich einen weggeworfenen Kinderwagen. Aus Stoff und Stroh bastelte er eine Puppe, setzte sie auf den Wagen und zog sie durch die Innenstadt. „Der ist ja völlig verrückt“, war die wenig närrische Reaktion der Unnaer Bürger auf den merkwürdigen Jecken, der mit seinem selbst gebastelten Wagen durch die Straßen zog. Doch Scherer ließ sich nicht beirren.

„Hätte ich damals aufgegeben, würde hier heute niemand mehr feiern“, ist sich der 77-Jährige sicher. Getreu seines Mottos: „Im Leben muss man Dummheiten machen- aber gute. Nur so wird man berühmt“ wurde der einsame Karnevalist zur Kultfigur.

Es folgten Einladungen in TV-Sendungen („Jürgen von der Lippe wollte mich an die Wand labern, hat er aber nicht geschafft“), anderen Karnevalszügen („In Hagen haben sie mir die Frikadellen geklaut“) und ins Unnaer Rathaus. Dort kürt Scherer alljährlich seine Ordensritter. Menschen, die sich in seinen Augen verdient gemacht haben.

Um 11.11 Uhr startet Scherers Abschiedszug. Sein Festwagen mit Thron wird von den 111 Mitgliedern seines Fanclubs gezogen. Dann verkündet das Motto. „Helmut geht ins Altersglück, Unna bleibt allein zurück“ den Abschied des jecken Pioniers. Einen Nachfolger gibt es noch nicht. „Die wollen alle das dicke Geld haben“, echauffiert sich Scherer. Etwas, was ihm zuwider ist: „Karneval ist etwas volkstümliches, dafür kann man kein Geld nehmen.“ Was sich der der Fast-Pensionär heute vorgenommen hat? Schlicht und ergreifend: „ Noch einmal so richtig die Sau rauslassen.“

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