Interview

„Konsequenter Atomausstieg ist richtig“

Foto: WP Michael Kleinrensing

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Hagen.(tob) Spätestens bis 2021 soll der letzte Reaktor vom Netz gehen. Dafür hat sich die Ethik-Kommission ausgesprochen. Nicht zuletzt deshalb scheint es beim Atomausstieg nicht mehr um das wann, sondern nur noch um das wie zu gehen. Darüber sprachen wir Ivo Grünhagen, Vorstandssprecher des Regionalversorgers Enervie und Mitglied im Vorstand des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).

Frage: Herr Grünhagen, was bedeutet der vorgeschlagene Atomausstieg aus Ihrer Sicht?

Grünhagen: Der konsequente Ausstieg ist richtig, denn die Laufzeitverlängerung war zu keinem Zeitpunkt nötig.

Frage:Das war schon immer die Position von Enervie und weiteren 100 Stadtwerken, oder?

Grünhagen: Ja. Deshalb fühlen wir uns durch die aktuelle Entwicklung auch sehr bestätigt. Dass Deutschland die ursprünglichen Ausstiegspläne zeitlich nun noch unterschreitet, beweist doch, dass wir Recht hatten.

Frage:Trotzdem ist aus den Reihen der Laufzeitverlängerungs-Gegner kein Jubel zu hören.

Grünhagen: Nein, zum Jubeln besteht kein Anlass. Denn das Moratorium war der Einstieg in einen Prozess, der eine falsche Entscheidung korrigiert, zugleich aber die Zuverlässigkeit von Rahmenbedingungen am Wirtschaftsstandort Deutschland massiv in Frage stellt. Unsere Branche benötigt klare Vereinbarungen und verbindliche Rahmenbedingungen für Investitionen. Deshalb ist es aus meiner Sicht auch so wichtig, dass der Zeitplan für den Atomausstieg eindeutig festgelegt wird. Was wir nicht brauchen können sind Formulierungen, die unter bestimmten Bedingungen doch wieder Änderungen zulassen.

Frage:Stellt das denn nicht ein Risiko für die Versorgungssicherheit dar?

Grünhagen: Das kann ich nicht erkennen. Schließlich ist auch die Ethik-Kommission davon überzeugt, dass sich ein Ausstieg bis spätestens 2021 realisieren lässt.

Frage:Zu steigenden Preisen für den Endkunden…

Grünhagen: Nach Berechnungen der Bundesregierung geht es dabei um einen Cent pro Kilowattstunde. Ich persönlich glaube, dass es sogar etwas teurer werden könnte. Allerdings bezahlt der Verbraucher über das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) derzeit 3,5 Cent pro Kilowattstunde, um regenerative Energien zu fördern. Außerdem: Wer sagt denn, dass eine Investition in die Umwelt und die Zukunft nichts kosten darf? Wenn Deutschland aus dem Atomstrom aussteigt, wird das weltweit wahrgenommen. So etwas hat die Kraft, das etwas müde gewordene Label „made in Germany“ neu aufzuladen.

Frage:Unterschätzt das denn nicht die Internationalität des Energiemarktes?

Grünhagen: Sie sprechen mögliche Atomstrom-Importe an. Die stoßen aktuell noch auf beschränkte Netzkapazitäten. Gleichwohl fordern wir, dass bei Atomstrom-Importen echte Risiko-Kosten hinterlegt werden. Es muss einen Fonds geben, aus dem gegebenenfalls die Schäden eines Störfalls ausgeglichen werden können. Was gerade in Japan passiert, dass diese Kosten ganz oder teilweise durch den Staat bezahlt werden, ist für mich nicht der richtige Weg. Deshalb sollte Deutschland auch keine Netze unterstützen, die zum Beispiel ein AKW in Tschechien mit der nationalen Struktur verbinden.

Frage:Das sind große Forderungen. Wie positioniert sich denn Ihr Unternehmen im Hinblick auf regenerative Energie?

Grünhagen: Wir haben gerade ein atomstromfreies Produkt auf den Markt gebracht. Null-Atom-Strom ist aus der Region, weil es zu 100 Prozent aus unserem Gas-Kraftwerk in Herdecke kommt. Gleichzeitig bauen wir unseren Ökostrom-Anteil aus. Nach einem ersten Windkraftwerk Anfang des Jahres haben wir aktuell sechs weitere Windräder gekauft, die unsere drei Laufwasserkraftwerke, die Biomasse-Verstromung und den Solaranteil ergänzen. Weiterhin wollen wir mit einem Partner neben unserem Pumpspeicherwerk in Rönkhausen ein zweites errichten.

Frage: Und wie ist die Resonanz der Kunden?

Grünhagen: Wir bekommen durchweg positive Reaktionen. Aus meiner Sicht geht es jetzt darum, in eine breite öffentliche Debatte über das Thema einzusteigen. Nur so kann man Verständnis dafür schaffen, dass wir heute die Weichen stellen für eine Zukunft, in der die fossilen Energieträger ausgeschöpft sind.

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