Opern-Premiere

Liebeslust und Liebesleid - Purcells Fairy Queen in Hagen

Foto: theater hagen stefan kühle

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Hagen. Die Bühne ist nicht nur ein Ort gesellschaftlicher Standortbestimmung, sondern auch ein Zauberkasten. Mit Henry Purcells „Fairy Queen/Ein Sommernachtstraum” verführt das Theater Hagen zum Staunen - ganz im Sinne der barocken Überzeugung, dass Erbauung und Unterhaltung Hand in Hand gehören.

Henry Purcell hat seine „Fairy Queen”-Partitur 1692 auf eine Bearbeitung von Shakespeares „Ein Sommernachtstraum” geschrieben. Eine Oper in unserem Sinne ist das nicht; entsprechend der damalig Mode wechselten sich in solchen Spektakeln Musik, Tanz und Schauspiel ab.

Regisseur Thilo Borowczak bearbeitet nun die Bearbeitung erneut und führt den Stoff wieder enger an Shakespeare heran - mit Abweichungen jedoch. Die jungen Liebenden sind gestrichen, dafür übernimmt Borowczak Purcells betrunkenen Dichter.

Der „Sommernachtstraum” ist ein harter Brocken. Selbst Theatergänger, die das Stück gut kennen, sind immer wieder überrascht von der Masse der Personen, den zahlreichen Realitätsebenen und dem unvermittelten Aufeinanderprallen von Erhabenem und Groteskem, von Poesie und Rüpelspiel.

Die Hagener „Fairy Queen” reizt diese Kontraste voll aus. Das glückt wunderbar, weil Bühnenbildner Jan Bammes von ganzem Herzen in den Zauberkasten greift. Er siedelt die Geschichte als Athener Großstadtmärchen an - so wird durch winzige Realitätsverschiebungen aus einem vergammelten Park ein verwunschenes Elfenreich. Bammes entwirft eine romantische Stimmung, die mit dem Einsatz von vielerlei Fluggeräten geradezu phantastisch anmutet. Brechungen, wie der Einsatz von Flachbildschirmen, sorgen dafür, dass auch in dieser poetischen Raumlösung Schein und Sein dicht beieinander liegen.

Purcells unvergängliche Arien wie „O let me weep” und „If love's a sweet passion” sind heute weltbekannte Hits. Das Hagener Ensemble zeigt enormen Einsatz und stilistische Wandlungsfähigkeit. Stefania Dovhan, die derzeit als Violetta in Verdis „La Traviata” in Hagen regelrechte Triumphe feiert, bezaubert als Elfenkönigin Titania mit traumverloren schönen Koloraturen und Trillern. Im Kontrast zu so viel Sinnlichkeit steht Tanja Schuns klarer Sopran. Rolf A. Scheider ist ein Oberon mit präsentem Bariton und faszinierender körperlicher Beweglichkeit.

Immer wieder gibt es in der „Fairy Queen” Spiel im Spiel. So auch in dem lüsternen Dialog zwischen Coridon und Mopsa. Hier liefert sich Scheider mit dem großartigen Countertenor Filippo Mineccia eine derbe Posse: ganz nach dem Geschmack der damaligen Zeit.

Baumlanger Poet

Orlando Mason, der baumlange begabte Hagener Bass, hat als betrunkener Poet sichtlich Spaß daran, in seiner englischen Muttersprache zu singen. Marilyn Bennett ist ein quirliger Quälgeist Puck. Die schauspielernde Handwerkertruppe um Werner Hahn als Zimmermann Peter Squenz und Roland Silbernagl als Weber Zettel treibt dem Publikum die Lachtränen in die Augen. Der Hagener Opernchor hat einen großen Abend, und das Ballett wirft sich mit Feuereifer auf seine Elfentänze.

Regisseur Borowczak sorgt strikt für Tempo - die Einfälle überschlagen sich regelrecht. Allenfalls könnte man kritisieren, dass etwas weniger Personenregie an kritischen Stellen den Sängern mehr Atem gelassen hätte.

Bernhard Steiner, 1. Kapellmeister in Hagen, dirigiert ohne Stab - ganz im Sinne der Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis. Dabei fällt es ihm anfangs schwer, den Bogen zwischen den auftrumpfenden und den leiseren Teilen des Notentextes auszubalancieren. Die philharmonischen Trompeter wetteifern in differenziert auskomponierten Echo-Künsten mit dem Glanz der Singstimmen. Die Hagener Philharmoniker klingen sehr gut. Sie erzeugen bildkräftige Naturschilderungen, etwa beim Vogeltanz. Vor allem aber bringen sie die Spannung zwischen Liebesglück und Liebesleid höchst gefühlvoll in Töne.

www.theater.hagen.de

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