Fehlstart in den NRW-Wahlkampf

Merkels Flugzeug defekt - Sauerland wartet vergeblich auf die Kanzlerin

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Meschede. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat im NRW-Wahlkampf einen glatten Fehlstart hingelegt. Ein technischer Defekt an ihrem Flugzeug verhinderte den Auftritt der Regierungschefin am Wochenende in Meschede. So wartete das Sauerland vergeblich auf die Kanzlerin.

Samstag, 10.45 Uhr. Wie ein Lauffeuer spricht sich in der prall vollen Mescheder St.-Georgs-Schützenhalle die Nachricht herum: Der Stargast aus Berlin kommt nicht. Lange Gesichter.

„Eine Hiobsbotschaft”, findet der christdemokratische EU-Abgeordnete für Südwestfalen, Peter Liese. Seinem Kollegen aus dem Bundestag, Pa-trick Sensburg, steht die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Beide sind gekommen, um die Kanzlerin zu begrüßen.

Der CDU-Abgeordnete für den Hochsauerlandkreis im Bund ruft den über 1000 Gästen zu: „Es wäre gut gewesen, wenn Frau Merkel gekommen wäre. Aber Dinge passieren. Die Kanzlerin muss einmal schauen, was hier im Sauerland los ist.” Das will die Regierungschefin aber erst im Sommer tun. Einen Besuch in der Region während des NRW-Wahlkampfes wird es nach derzeitigem Stand nicht geben.

„Sehr schade”, findet der treue CDU-Wähler Ernst Brinker (79) aus Niedersfeld. Er ist extra nach Meschede gekommen, um die Kanzlerin zu sehen. Und dann das. Brinker findet: „So kann man mit seinen Leuten nicht umgehen.” Patrick Sensburg muntert das Volk in der Halle auf: „Ich glaube, es wird auch ohne Frau Merkel eine gute Veranstaltung.”

Gemeint ist Jürgen Rüttgers. Der Ministerpräsident und Spitzenkandidat der NRW-CDU im Landtagswahlkampf macht gute Miene zum verkorksten Merkel-Termin in Meschede. „Ich bin ja nicht überheblich. Ich weiß, dass Sie alle gekommen sind, um die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland zu sehen.” Aber so ein Flugzeug, das könne nun mal kaputt gehen. „Wunder kann auch Merkel nicht vollbringen.” Und damit ist Rüttgers mitten drin in den Problemen des Landes.

Bei der Finanznot der Kommunen etwa. Er weiß, trotz der gesunden Strukturen in dieser ländlichen Region gibt es viele Schwierigkeiten. Eines ist für den Anwalt der Städte und Gemeinden klar. „Ich werde keiner Steuersenkung zustimmen, die dazu führt, dass Schwimmbäder und Stadtbüchereien geschlossen werden.”

Der Landesvater genießt den Beifall. Einmal mehr präsentiert er sich als Konservativer mit sozialem Gewissen: „Wenn einer mal hinfällt, dann muss er wieder aufstehen - und dann kriegt er geholfen.” Zum Image des „Arbeiterführers” passt: Rüttgers hat sich hochgearbeitet: „Ich komme aus einem Handwerkerhaushalt, mein Vater war Elektriker.”

Rüttgers ruft: „Die Lage ist schwierig, es wird knapp, wir werden kämpfen müssen.” Dieser Wahlkampf ist wohl sein härtester. Es geht darum, die Treuesten der Treuen zu mobilisieren, damit sie jene mitziehen, die noch zweifeln. „Dabei kommt es besonders auf eine Region wie das Sauerland an.” Der Spitzenkandidat der NRW-CDU steht für eine Neuauflage der schwarz-gelben Koalition aus CDU und FDP in NRW. „Und damit eines klar ist: Ich möchte keine Koalition mit den Grünen.” Dies ist eine weiche Absage an die Ökopartei. Dass er partout nicht will, hat er damit ja nicht gesagt . . .

Im Stil Helmut Kohls warnt der Wahlkämpfer vor den Linken in NRW. „Die wollen eine andere Republik.” Das seien „Radikale” und „Chaoten”. Rüttgers: „Das sind Leute, die haben schon mal einen deutschen Staat ruiniert - und die können wir hier nicht gebrauchen.”

Der Ministerpräsident geht in Meschede auch mit den Sozialdemokraten hart ins Gericht. Sie verantworteten die enorme Schuldenlast des Landes. „Es ist die alte Erfahrung: Sozialdemokraten können einfach nicht mit Geld umgehen. Damals, heute und in Zukunft.” Es handle sich nicht mehr um die NRW-SPD von Johannes Rau. „Die, die sich jetzt bei der SPD um die Macht bewerben, das sind die letzten Fußkranken.” Rüttgers prangert die Uneindeutigkeit der Genossen in der Frage nach einem Bündnis mit der Linken an. „Derzeit” sei die Linkspartei nicht regierungsfähig. So sage es „die Kandidatin”. Gemeint ist seine Gegnerin Hannelore Kraft. Rüttgers provoziert: „Wie lange dauert ,derzeit'? - Ich will es Ihnen sagen: bis zum Tag nach der Wahl.”

Ein Foto für den Jubilar

Damit es so weit nicht kommt, macht der Rheinländer Wahlkampf in bewährter CDU-Manier. Er bemüht den Alten aus Rhöndorf. Jetzt, in diesen schweren Zeiten, „keine Experimente” machen. Daraus spricht Adenauer.

Das gefällt dem Volk in der Schützenhalle. Darunter auch der Mescheder Heribert Döller. Der Senior, der gestern 80 geworden ist, darf gemeinsam mit Ministerpräsident Jürgen Rüttgers aufs Foto. „Das ist doch was”, findet der Jubilar. Für Merkels Fehlstart ist er allemal entschädigt.

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