Wisente im Wittgensteiner Land

Mit einem Satz in Freiheit

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Bad Berleburg. Es ist wahr. Die Wisente im Wittgensteiner Land sind da.

Nach sechsjähriger Vorbereitung grasen seit gestern neun Kolosse zur Eingewöhnung im Gehege bei Bad Berleburg. Die in Europa einzigartige Wiederansiedlung wird Wirklichkeit. Für Aufregung sorgt Jungbulle Egnar. Er büxt aus. Eine tierische Geschichte.

14.21 Uhr. Premiere. Mit einem kräftigen Satz springt er aus dem Hänger. Der dreieinhalb Jahre alte Wisentbulle Egnar freut sich auf seine Freiheit im Wittgensteiner Land. Der massige Körper taumelt leicht, das Tier entleert sich, macht sich mit seiner Umgebung vertraut. Jeden Schritt, jede Kopfbewegung fangen Fotoapparate und Fernsehkameras ein.

Eine perfekte Inszenierung

Bis der historische Moment da ist, beschreibt der Geschäftsführer der Südwestfalen-Agentur, Dirk Glaser, die Ankunft. Eine perfekte Inszenierung. Im Wald parken Polizeiautos. Großer Bahnhof für ein vom Aussterben bedrohtes Tier. „Der Wagen fährt jetzt los. Der Wagen nähert sich. Bitte Ruhe. Handys aus.” Der Wagen ist da. Unruhig wird das Publikum. Mehr als sieben, acht Mal rangiert der Fahrer rückwärts Richtung Zaun. Minutenlang. Im Hänger ist Getrampel zu hören - bis endlich die Klappe aufgeht.

Egnar, er stammt aus dem Gehege Hardehausen bei Warburg-Scherfede, gefällt die Bühne nicht. Er kehrt den 130 geladenen Gästen und 70 Journalisten den Rücken. Kurz vertritt er sich die Beine - und springt, als wenn es nichts wäre, durch den Zaun. Er ist in diesem Moment ohne Strom. Ab in die freie Wildbahn. Fassungslose Gesichter der Verantwortlichen.

Wie hatte es Johannes Röhl, Forstdirektor der Rentkammer Wittgenstein, vor der Ankunft des Tieres formuliert: „Egnar hat festgestellt, dass er ein richtiger Bulle ist und das darf er hier gerne beweisen.” Doch die paarungsbereiten Wisentkühe fehlen bei den ersten Schritten Egnars in Südwestfalen. Prompt macht sich der Koloss um 14.30 Uhr aus dem Staub. Neun Minuten reichen ihm.

Wenige Momente der Sprachlosigkeit

Nach wenigen Momenten der Sprachlosigkeit reagieren die Verantwortlichen, verfolgen seine Fährte. Richard Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg nimmt den Ausflug mit Humor: „Der erste Wisent in freier Wildbahn.” Landrat Paul Breuer ist vom Temperament des Jungbullen überrascht: „Wir haben damit gerechnet, dass er müder ist.”

Von wegen. Um auf die Beine zu kommen, hatte Egnar ein Mittel gespritzt bekommen. Es sollte ihm helfen, nach dem strapaziösen Transport, fit zu sein. Breuer: „Aus seinem natürlichen Fluchtverhalten ist in diesem Fall mehr geworden. Wir waren auch auf diesen Fall vorbereitet.” Berufsjäger Patrick Rath und Kreisveterinär Dr. Wilhelm Pelger legen Egnar nach seinem zwei Kilometer langen Ausflug wieder lahm.

Ministerpräsident Jürgen Rüttgers zeigt an diesem Nachmittag keine Angst vor tonnenschweren Tieren. Als Schirmherr des einzigartigen Artenschutzprojektes gibt er sich angesichts der Flucht gelassen: „Sein Verhalten zeigt, dass es sich um ein wildes Tier handelt. Eine spannende Geschichte.”

Rüttgers verteilt viel Lob an diejenigen, die das Projekt angeschoben haben. „Leute, die Bedenken haben, gibt es am Anfang immer viele. Wenn es funktioniert, freuen sich alle.” Auch ihre königliche Hoheit, Prinzessin Benedikte, irritiert der zottelige Ausreißer nicht: „Das war ein guter Start für das Projekt. Den jungen Bullen muss man einfach mal lassen.” Seine Durchlaucht, ihr Ehemann Prinz Richard, hatte die Idee vor sechs Jahren ausgesprochen. Und Bernd Fuhrmann, Bad Berleburgs Bürgermeister und Vorsitzender des Trägervereins Wildnis-Wisent-Wittgenstein, lässt sich durch die unvorhergesehenen Ereignisse nicht erschüttern. „Die Tiere sind da, anders als geplant, aber herzlich willkommen.” Nach dem spektakulären Abgang von Egnar ändert sich das vorbereitete Programm komplett. Für den späten Nachmittag eingeladene Besucher haben keinen Zugang mehr zum Gehege. Matthias Heß, Beisitzer im Trägerverein, stoppt die Gäste am Forsthaus Homrighausen: „Es ist ein Tier ausgebrochen. Heute gibt es keine Möglichkeit mehr, sie zu sehen.”

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