Kultur

Mobilfunk-Frequenzen werden zur Kultur-Falle

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Hagen. Der Deutsche Bühnenverein fordert einen sofortigen Stopp der Versteigerung der Mobilfunkfrequenzen. Grund: Dadurch kommen auf die Kulturbranche Kosten von mehreren hundert Millionen Euro zu.

Die seit wenigen Tagen von der Bundesnetzagentur versteigerten Frequenzen im Bereich von 790 bis 862 Megahertz sind - entgegen öffentlichen Behauptungen - nicht frei, sondern werden von vielen Kultur- und Konferenz-Veranstaltern genutzt. Aus diesem Grund heißen sie auch Kulturfrequenzen. Betroffen ist der gesamte ehrenamtliche und professionelle Veranstaltungsbereich: Theater, Freilichtbühnen, Sportvereine, Kirchen, Veranstalter von Konferenzen und Großereignissen sowie viele Kleinunternehmen der Branche.

Überall dort, wo bisher drahtlose Mikrophone im Einsatz sind, sogenannte Mikroports, muss umgerüstet werden. Eine parallele Nutzung dieses Spektrums von Mobilfunk und den bisherigen Betreibern ist nicht möglich.

Die Folgen treffen die Theater besonders hart, die derzeit ohnehin nicht wissen, wie sie die Sparvorgaben der Politik erfüllen sollen. So hat zum Beispiel die Tontechnik des Theaters Hagen 20 Kanäle, die auf und hinter der Bühne im Einsatz sind. Eine Umrüstung der Drahtlosmikros würde pro Kanal 5000 Euro kosten. Auf das Haus kommen also absehbar 100 000 Euro an Kosten zu. „Jeder Euro, den wir außerplanmäßig ausgeben müssen, ist eine Katastrophe”, kommentiert der Hagener Intendant Norbert Hilchenbach die anstehenden Zusatzausgaben. „Wir haben keine 100 000 Euro. Das Problem betrifft nicht allein unsere Bühne, sondern alle Theater und zum Beispiel auch die Kirchen.”

Auch Kirchen betroffen

Nicht nur die Frage der Kosten scheint unlösbar, sondern auch die der Technik. Denn neue Geräte, auf die umgerüstet werden muss, gibt es noch gar nicht. Bis 2014 können die Kulturveranstalter die Kulturfrequenzen nutzen, die Kanäle werden aber wegen der Unverträglichkeit zum Mobilfunk störungsanfällig sein. So steht zu befürchten, dass künftig im Musical die Stimmen der Sänger von Knattern überlagert werden oder dem Pastor auf der Kanzel mitten in der Predigt das Wort im Munde stecken bleibt.

Bereits vor einem Jahr hatte der Bühnenverein auf die fatalen finanziellen Konsequenzen der neuen Frequenzordnung hingewiesen, die allein bei der Kultur Kosten von mehreren hundert Millionen Euro verursachen. Seinerzeit hatte die Bundesregierung zugesichert, Kirchengemeinden, Freilichtbühnen, Theater und sonstige Nutzer zu entschädigen. Die NRW-Landesregierung hatte eigens im Bundesrat das Gesetz der „Digitalen Dividende” angehalten, um den Bund zur Kostenerstattung zu bewegen (unsere Zeitung berichtete).

Kosten werden abgewälzt

Der Bühnenverein kritisiert daher in einer Erklärung: „Nach Abschluss der Verhandlungen zeichnet sich aber ab, dass die vom Bund angesetzten Kriterien nur in Einzelfällen zu einer minimalen Erstattung führen würden. Obwohl die Erlöse der Versteigerung ausschließlich dem Bund zugute kommen, bleiben die gesamten Umstellungskosten an Ländern und Kommunen hängen.”

Die Frequenzen sind durch das Abschalten des analogen Rundfunks frei geworden. Seit Montag werden sie unter den großen Mobilfunkanbietern versteigert. Für diese sind die Frequenzen besonders attraktiv, weil sie durch Wände hindurchgehen, der Mobilfunk daher mit großer Leistung senden kann. An den Kauf der Frequenzen sind Ausbauverpflichtungen gekoppelt. So soll das schnelle Internet auch auf die Dörfer kommen. Verbraucherschützer erwarten durch die Nutzung dieser Spektren im Mobilfunk allerdings Störungen des terrestrischen Digitalfernsehens.

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