Sterbeversicherungen

Umstrittene Geschäfte der Sozialverbände

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Hagen. Mit Sterbeversicherungen kann viel Geld verdient werden. Nun sind Sozialverbände in die Kritik geraten, weil sie mit Versicherungen gemeinsame Sache machen.

Mit Sterbegeldversicherungen sollen die Kosten für Beerdigungen beglichen werden. „Nicht empfehlenswert” (Bund der Versicherten), weil zu teuer, finden Verbraucherschützer und fragen sich, warum Sozialverbände in diesem Bereich mit Versicherungen gemeinsame Sache machen.

Die Süddeutsche Zeitung hat unter dem Titel „Abkassieren mit dem Abgang” über „fragwürdige Versicherungsgeschäfte” berichtet. So wurde einem laut Schwerbehindertenausweis zu 60 Prozent geistig behinderten Hamburger, Mitglied im Sozialverband Deutschland (SoVD), von der Hamburg-Mannheimer Versicherung (HM) eine Sterbegeldversicherung verkauft. Der Versicherungsvertreter hatte bei seinem Kundenbesuch offenbar ein Empfehlungsschreiben des SoVD-Präsidenten dabei. Laut Police sollte der Mann einen monatlichen Geldbetrag zahlen, der fast ein Sechstel seines Monatsbudgets von nicht einmal 300 Euro ausgemacht hätte.

Schutz vor Drückerkolonnen

Sein Bruder konnte den Abschluss noch rückgängig machen, schimpfte aber gegenüber der Süddeutschen Zeitung: „Hier wird, offensichtlich mit Unterstützung des SoVD, den eigenen Mitgliedern, und auch noch denen, die des besonderen Schutzes vor Drückerkolonnen bedürfen, der letzte Cent aus der Tasche gezogen.”

„Wir bedauern den Fall ausdrücklich”, so SoVD-Präsident Adolf Bauer gegenüber unserer Zeitung. „Es liegt selbstverständlich nicht in unserem Interesse, unseren Mitgliedern durch Dienstleistungen Dritter Nachteile entstehen zu lassen.”

Der SoVD arbeite - „wie viele andere Sozial- und Wohlfahrtsverbände” - seit langem mit einem Anbieter von Gruppen-Versicherungsdienstleistungen zusammen (in diesem Fall die HM). Laut einer Mitgliederbefragung, so Bauer, sind „Versicherungsdienstleistungen als Teil des Angebotsspektrums des SoVD von unseren Mitgliedern ausdrücklich gewünscht”. Die Zufriedenheit mit diesen Angeboten sei „nachweislich” außerordentlich hoch und sei in der langen Zeit der Zusammenarbeit (mehr als 40 Jahre) nicht in Frage gestellt worden.

Gruppenversicherungsvertrag

Ebenfalls seit etwa 40 Jahren besteht ein Gruppenversicherungsvertrag des Sozialverbandes VdK mit der HM. Auf der Internetseite darf ein hoher HM-Vertreter für die Sterbegeldversicherung werben. Ein Interview endet mit dem Satz des VdK-Fragestellers: „Dann haben wir ja einen starken Partner an unserer Seite.” Eine Anfrage unserer Zeitung schickte der VdK „zuständigkeitshalber” an die HM. Ein Sprecher der Ergo Versicherungsgruppe, zu der die HM gehört, antwortet, dass es im Rahmen des Gruppenversicherungsvertrages für VdK-Mitglieder Angebote bei der Hinterbliebenenvorsorge für den Sterbefall, bei der Unfallvorsorge und bei der Vorsorge für den Pflegefall gebe. Die Adressen würden vom VdK nur dann an die Außendienst-Partner der HM weitergegeben, wenn das Mitglied es wünscht . „Der VdK beauftragt die Außendienst-Partner anschließend, die interessierten Mitglieder zu besuchen.”

Viele VdK-Mitglieder, so der HM-Sprecher, könnten aufgrund körperlicher Beeinträchtigungen nicht jede gewünschte Versicherung abschließen. Die Gruppenversicherung dagegen sei ohne Gesundheitsfragen bis zum 80. Lebensjahr möglich. Und durch den Gruppencharakter könne ein günstiger Versicherungsschutz angeboten werden: „Diese Absicherung ist auch für Menschen möglich, die nicht vermögend sind.”

Juristische Bedenken

Die Verbraucherzentrale (VZ) NRW äußert Bedenken: „Gibt eine Organisation Adressen von Mitgliedern weiter, sollte sich die Organisation schon unter moralischen Aspekten dazu verpflichtet fühlen, dass den Mitgliedern nicht unsinnige und zweifelhafte Angebote unterbreitet werden.” VZ-Juristin Elke Weidenbach erinnert gegenüber unserer Zeitung an „Fallstricke” in manchen Sterbegeldversicherungen. So gebe es z.B. „Wartezeiten”: dass einige Jahre nach Vertragsabschluss nichts oder nicht in voller Höhe ausgezahlt wird, auch wenn der Versicherungsnehmer in der Zeit stirbt. Zudem fordert Weidenbach von Sozialverbänden mehr Offenheit. Viele wüssten nicht, dass Überschüsse aus der Versicherung an den Verband gehen. „Transparenz schützt die Verbände vor dem Vorwurf fragwürdiger Praktiken in ihrer gemeinnützigen Arbeit.”

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