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Wie viel der Wald wirklich wert ist

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Moos im Wald im ersten Sonnenlicht. Foto: Simon Wiggen

Moos im Wald im ersten Sonnenlicht. Foto: Simon Wiggen

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Hagen.  Wald ist Gold wert. Nicht nur, weil das Holz verkauft werden kann. Sondern auch, weil er Luft und Regen filtert, Erholungsraum für Bürger und Lebensraum für Tiere ist. Bei Bauprojekten werden diese Dienstleistungen nur selten berücksichtigt. Forscher wollen das ändern.

Wälder liefern nicht nur Holz, sondern viel mehr. Sie sind Erholungsraum für Bürger, speichern das Klimagas CO2 und dienen dem Hochwasserschutz. Sie filtern die Atemluft und liefern Sauerstoff. Wälder verhindern bei starkem Regen, dass der Boden weggeschwemmt wird. An manchen Orten sind sie Lawinen-, Lärm- oder Windschutz.

Ganz nebenbei gedeihen zwischen den Bäumen Nahrungsmittel wie Pilze und Beeren. Pflanzen aus tropischen und heimischen Wäldern liefern Wirkstoffe für viele Medikamente. Laut WWF werden weltweit mehr als 50 000 Pflanzen medizinisch genutzt. Bestes Beispiel sind Medikamente mit dem Wirkstoff des Roten Fingerhuts, der in Südwestfalens Wäldern auf fast jeder Lichtung wächst.

Medikamente aus dem Wald

Würden alle diese Dienstleistungen, die ein Wald tagtäglich kostenlos liefert, gegen Geld aufgewogen, wäre ein Hektar Wald deutlich mehr wert, als der reine Grundstückspreis samt Holz. Aus der Vermarktung von Rohholz und sonstiger Waldprodukte (ohne Wild) ergibt sich pro Jahr und Hektar eine Nettowertschöpfung von 81 Euro. Doch wie können die übrigen Dienstleistungen, die ein Wald tagtäglich liefert, gegen Geld aufgerechnet werden?

Wilhelm Löwenstein, Professor für Entwicklungsforschung und Umweltbewertung an der Ruhr-Universität Bochum, beschäftigt sich schon seit mehr als 20 Jahren mit dieser Frage. „Man kann den Wert der Natur ermitteln, indem man die Menschen fragt, wie viel sie für die Anreise bezahlen würden“, erklärt der Professor. „Anhand dieser Reisekosten kann man dann den Wert eines Waldes berechnen.“ Wie viel der Wald für angrenzende Hauseigentümer wert ist, lässt sich zudem anhand der Grundstücks- und Immobilienpreise ermitteln. „Die schwierigste Art ist aber, die Menschen einen fiktiven Eintrittspreis für den Wald angeben zu lassen.“ Je nach Methode und Waldnutzung haben Forscher für einen Hektar Wald verschiedene Werte berechnet.

Viele Menschen nutzen den Wald vor allem als Ort der Erholung. Laut Löwenstein besitzt jeder Hektar Wald im Südharz (für das Sauerland gibt es leider keine passenden Studien) einen Erholungswert von 237 Euro pro Jahr. Andere Forscher haben in Befragungen herausgefunden, dass die Bürger Zürichs im Schnitt etwa 75 Euro dafür zahlen würden, dass sie das ganze Jahr im Wald spazieren gehen können. In Oxford wurde über eine ähnliche Berechnung dem Wald ein Erholungswert von sogar von 1647 Euro pro Hektar und Jahr beigemessen. Rechnet man diese Zahlen auf NRW hoch, wäre der gesamte Wald im Land rund 1,5 Milliarden Euro wert.

Wie wertvoll der Wald für die Bürger ist

Andere Forscher haben den Wert des Waldes in seiner Funktion als CO2-Speicher berechnet. Als Grundlage haben sie die CO2-Zertifikate der Europäischen Union genommen. Demnach dient jeder Hektar Fichtenwald pro Jahr als CO2-Speicher im Wert von 17 000 Euro (Buchenwald sogar 20 000 Euro). Der NRW-Wald wäre nach dieser Berechnung weitere 15 Milliarden Euro wert.

Aber was bringt dieses Wissen Bürgern, Waldbesitzern und Kommunen? „Diese Bewertung von Umweltgütern, die nicht auf dem Markt gehandelt werden, kann bei Baumaßnahmen eingesetzt werden“, erklärt Professor Löwenstein und nennt das Beispiel eines geplanten Autobahn-Zubringers durch einen Wald. „Befürworter zählen die wirtschaftlichen Nutzen auf: geringere Transportkosten, kürze Fahrtzeiten und weniger Unfälle.“ Kritiker könnten mit einer entsprechenden Studie beweisen, wie wertvoll den Bürgern ein Stück Wald ist.

Holzernte als Nebeneffekt

Aber auch rein betriebswirtschaftlich werden solche Studien genutzt: Forscher haben in Ostfriesland herausgefunden, dass es günstiger ist, den Wald um ein Wasserwerk herum aufzuforsten, damit die Bäume die Schadstoffe aus Luft und Wasser filtern. Teurer wäre es gewesen, eine Nitratentfernungsanlage zu bauen und zu betreiben. Dass nebenbei auch noch Holz geerntet werden kann, ist dabei ein angenehmer Nebeneffekt.

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