Fundsache

Zeugnisse unter der Autobahnbrücke

| Lesedauer: 3 Minuten

Münster/Menden.   Zeugnisse, Praktikumsbescheinigungen, Klausuren - all das fand ein Mann bei Münster unter einer Autobahnbrücke. Die Leiterin des betroffenen Berufskollegs aus Menden ist sprachlos. Sie kann sich nicht erklären, wie die Unterlagen dorthin gelangten.

Irgendwie war es Heribert Petrich nicht ganz geheuer. „So viele Blätter Papier, da habe ich angehalten und nachgeschaut.“

Und Petrich hatte recht: Geheuer war das wirklich nicht, was er dort unter der Autobahnbrücke der A1 zwischen den münsterischen Ortsteilen Mecklenbeck und Roxel fand. Zeugnisse, Praktikumsbescheinigungen, Klausuren und viele andere Unterlagen einer Schule, die unter einer Autobahnbrücke nichts zu suchen haben, lagen dort verstreut herum. „So sieht heute also Datenschutz aus“, habe er zu seiner Frau gesagt, erzählt Petrich.

Dass Datenschutz heute so sicher nicht aussehen darf, weiß die Schulleiterin des Berufskollegs Placida Viel aus Menden, Gabriele Petry. Von dort stammen die Unterlagen. „Ich bin sprachlos“, meinte die Schulleiterin, die erst seit August im Amt ist, im Gespräch mit unserer Zeitung. Sie kann sich überhaupt nicht erklären, wie die Papiere aus den Jahren 2006 bis 2008, in denen zum Teil nicht nur Zensuren, sondern auch ganz persönliche Bemerkungen der Lehrer zum Verhalten der Schüler zu finden sind, nach Münster gekommen sind. Petry: „Entweder werden sie archiviert oder geschreddert. Das ist für mich unbegreiflich, wie sie dort gelandet sind.“

Die Schule erwäge, eine Strafanzeige gegen Unbekannt zu stellen. Am Nachmittag erklärte Petry, dass auch die Schulaufsichtsbehörde informiert worden sei und das Thema „Umgang mit sensiblen Daten“ umgehend mit allen Mitarbeitern der Schule noch einmal thematisiert werde. Die Schulleiterin machte sich gestern auf den Weg nach Münster, um die noch vor Ort liegenden Papiere persönlich einzusammeln.

Klarer Verstoß gegen das Datenschutzgesetz

Rätselhaft sei, so Dr. Ulrich Bock vom Bergkloster Bestwig, dem Träger der Schule, wie Klausuren, die eigentlich an die Schüler zurückgehen, mit internen Unterlagen aus Prüfungskonferenzen zusammengekommen seien. Eine Antwort darauf habe er bislang nicht.

Einen klaren Verstoß gegen das Datenschutzgesetz sieht Thomas Drewitz von der Bezirksregierung in Münster, die für diese Schule aber nicht zuständig ist. Das sind die Kollegen in Arnsberg. „Eine Straftat ist es aber wohl nur dann, wenn grober Vorsatz nachweisbar ist. Aber wer soll herausfinden, wie die Unterlagen dort gelandet sind?“, fragte er sich.

Es ist nicht längst nicht der erste Fall in der Region, in dem sensible Daten in der Öffentlichkeit aufgetaucht sind. Im August vergangenen Jahres waren vertrauliche Informationen eines Fröndenberger Arztes über Methadon-Empfänger in einer Mülltonne gefunden worden. Namen, ­Adressen, Geburtsdaten und die jeweilige Anzahl der Methadon-Dosen waren auf den Papieren vermerkt.

Zurückgegeben und geschreddert

Über unsere Zeitung hatte der ehrliche Finder damals den Kontakt zur Praxis hergestellt, so dass die Papiere wieder dort landeten, wo sie hingehörten und schließlich geschreddert wurden.

Im Mai 2010 fand ein Mendener nicht-geschredderte Unterlagen eines Arnsberger Gymnasiums durch Zufall im Papiercontainer. In den Zeugnissen aus dem Schuljahr 2003/2004 waren nicht nur die Noten vermerkt, sondern auch Angaben über das Arbeits- und Sozialverhalten.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: WP-Info

Leserkommentare (7) Kommentar schreiben